Teil 2 der irrwitzigen Erfahrungen mit sonderbaren geographischen Vorstellungen
Ein Freund erzählte mir einmal von einer Zugfahrt von
Salzburg nach Wien: Im Waggon befand sich eine arabische Familie, die
sich angeregt unterhielt. Nun ist der Zug ohnehin schon ein für
arabische Gäste ungewöhnliches Transportmittel. Ich kenne dieVorbehalte, die Araber den öffentlichen Verkehrsmitteln gegenüber haben. Oft erntete ich nach langen Erklärungen über Bushaltestellen und Abfahrtszeiten nur ungläubige Blicke ("Every half hour? Exactly!?") Ist
aber der arabische Gast einmal erfolgreich mit dem Bus gefahren, hat er eine
regelrechte Freude daran.
Die Familie im Zug von Salzburg nach
Wien dürfte noch nicht allzu viel Erfahrung mit dem öffentlichen Verkehr
gemacht haben. Jedenfalls hörte besagter Freund immer wieder die
Zauberformel "Selamsi-Saprun! Selamsi-Saprun!", und erkannte als
aufmerksamer Pinzgauer, dass hier nur Zell am See und Kaprun gemeint
sein konnten. Nun wusste er allerdings nicht, ob die Familie von ihren Erlebnissen
dort schwärmte, oder aber erst dorthin wollte...
Als die faden Landstriche entlang der Westbahnstrecke
beim besten Willen keine Berge zeigen wollten, schien die Familie
zunehmend unruhiger zu werden. Berge, Eis und Seen hatte man ihnen versprochen! Doch hier nur Felder, noch mehr Felder und graue Hügelflächen! Wieder hörte man sie angeregt
diskutieren, und wieder fiel mehrmals die Formel "Selamsi-Saprun!
Selamsi-Saprun!". Also beschloss der mitreisende Pinzgauer, die Gäste
nach ihrer gewünschten Destination zu fragen. Tatsächlich antwortete der
Vater der Familie: "Selamsi-Saprun!" Nun wusste der Einwohner der
beschworenen Region um die Bredouille, in die sich die Familie
unwissentlich selbst gebracht hat, und erklärte dem Familienoberhaupt
die geographischen Gegebenheiten. Als der arabische Vater ihre missliche
Lage vollkommen erfasst zu haben schien, fiel er freilich aus allen
Wolken, waren sie doch stundenlang in die gänzlich falsche Richtung gefahren und jetzt schon kurz vor Wien!
Ob und wie die Familie dann noch nach Zell am See gelangte, weiß man nicht. Meistens aber gelangen sie immer hierher, auch wenn der Weg ein beschwerlicher ist. Schon öfter lauschte ich ungläubig den Erzählungen spät angekommener Gäste, die nicht auf direktem Weg nach Zell am See gekommen waren, sondern sich vielmehr in konzentrischen Kreisen ihrem Zielort genähert hatten. Das alte Motto "Ich weiß nicht, wo ich hin will, aber umso schneller bin ich dort" ist in solchen Fällen nur halb richtig. Aber wenn jemand (wie es auch schon geschehen ist) von München nach Zell am See acht Stunden braucht und behauptet, es wäre kein Stau gewesen, dann hat er bestimmt nicht nur eine Sache falsch gemacht...
Sonntag, 27. Juli 2014
Dienstag, 8. Juli 2014
Der Stern von Europa
Was die Einschätzung von Autodistanzen betrifft, liegen die arabischen Gäste nicht immer ganz richtig.
Die Arabische Halbinsel ist die größte der Welt: Sie misst 2,7 Millionen Quadratkilometer und es leben dort ca. 60 Millionen Menschen. Die Zahl der auf ihr liegenden Staaten ist allerdings überschaubar. Der größte von ihnen ist das Königreich Saudi Arabien. Fährt man dort mit dem Auto von Küste zu Küste, zum Beispiel vom westlichen Jeddah nach Dammam im Osten, ist man ca. 12 Stunden unterwegs. Das entspricht in etwa der Strecke von Salzburg nach Kopenhagen. Das lässt sich alles in wenigen Minuten mit Google Maps herausfinden. Jetzt hat man das, was man gemeinhin "eine Ahnung" oder eine "ungefähre Vorstellung" von den Auto-Distanzen in Saudi Arabien nennt.
In der Vorstellung der Araber ist aber Europa und vor allem Österreich viel, viel kleiner - oder viel, viel größer; je nachdem, wen man nach seinen Vorstellungen befragt. So erklärten mir einmal drei junge Männer aus Kuwait, sie wollten ein bisschen Europa mit dem Auto bereisen. Wo sie denn nach ihrem Aufenthalt in Zell am See hin wollten, habe ich sie gefragt. Ihre Antwort ließ mich die Augenbrauen hochziehen, denn ihre geplante Route hatte die folgenden Destinationen in genau dieser Reihenfolge:
Ich fand es löblich, dass sich die jungen Herren auch für die sonst von arabischen Gästen weniger bereisten Städte Budapest und Prag interessierten. Trotzdem setzte ich mich an den Computer und machte mir die Mühe, per Google Maps ihnen ihre geplante Strecke in Fahrtstunden niederzuschreiben. Nun waren sie es, die die Augenbrauen hochzogen. "But is so small!", sagte einer von ihnen und meinte damit wohl Österreich. Als ich ihnen dann sagte, dass man in Österreich von einem Ende zum anderen gute sieben Stunden unterwegs sei, staunten sie und meinten, das entspreche etwa der Strecke von Kuwait nach Riyadh - für ihre Begriffe eine Weltreise! Wir verbrachten noch ein paar Minuten mit Google Maps und die drei einigten sich dann auf eine andere Route, die sich weniger sternförmig als die ursprüngliche Variante ausnahm.
Wo sie schlussendlich noch überall hinkamen, wage ich nur zu vermuten. Ich denke aber, dass die eine oder andere Stadt von ihrer Wunschliste gestrichen werden musste.
Die Arabische Halbinsel ist die größte der Welt: Sie misst 2,7 Millionen Quadratkilometer und es leben dort ca. 60 Millionen Menschen. Die Zahl der auf ihr liegenden Staaten ist allerdings überschaubar. Der größte von ihnen ist das Königreich Saudi Arabien. Fährt man dort mit dem Auto von Küste zu Küste, zum Beispiel vom westlichen Jeddah nach Dammam im Osten, ist man ca. 12 Stunden unterwegs. Das entspricht in etwa der Strecke von Salzburg nach Kopenhagen. Das lässt sich alles in wenigen Minuten mit Google Maps herausfinden. Jetzt hat man das, was man gemeinhin "eine Ahnung" oder eine "ungefähre Vorstellung" von den Auto-Distanzen in Saudi Arabien nennt.
In der Vorstellung der Araber ist aber Europa und vor allem Österreich viel, viel kleiner - oder viel, viel größer; je nachdem, wen man nach seinen Vorstellungen befragt. So erklärten mir einmal drei junge Männer aus Kuwait, sie wollten ein bisschen Europa mit dem Auto bereisen. Wo sie denn nach ihrem Aufenthalt in Zell am See hin wollten, habe ich sie gefragt. Ihre Antwort ließ mich die Augenbrauen hochziehen, denn ihre geplante Route hatte die folgenden Destinationen in genau dieser Reihenfolge:
- München
- Innsbruck
- Wien
- Prag
- Budapest
- Genf.
Ich fand es löblich, dass sich die jungen Herren auch für die sonst von arabischen Gästen weniger bereisten Städte Budapest und Prag interessierten. Trotzdem setzte ich mich an den Computer und machte mir die Mühe, per Google Maps ihnen ihre geplante Strecke in Fahrtstunden niederzuschreiben. Nun waren sie es, die die Augenbrauen hochzogen. "But is so small!", sagte einer von ihnen und meinte damit wohl Österreich. Als ich ihnen dann sagte, dass man in Österreich von einem Ende zum anderen gute sieben Stunden unterwegs sei, staunten sie und meinten, das entspreche etwa der Strecke von Kuwait nach Riyadh - für ihre Begriffe eine Weltreise! Wir verbrachten noch ein paar Minuten mit Google Maps und die drei einigten sich dann auf eine andere Route, die sich weniger sternförmig als die ursprüngliche Variante ausnahm.
Wo sie schlussendlich noch überall hinkamen, wage ich nur zu vermuten. Ich denke aber, dass die eine oder andere Stadt von ihrer Wunschliste gestrichen werden musste.
Montag, 9. Juni 2014
Völkerverständigung auf Pinzgauerisch
Araber, so die gängige Vorstellung, trinken keinen Alkohol. Dabei gibt es immer wieder welche, die sich in die heimischen Bars verirren. Manche trinken heimlich in einer Ecke ihr verbotenes Bier. Andere wiederum erfreuen sich ganz offen heiterer Geselligkeit. Ein solcher war Ibrahim, und folgendes ist passiert, als er auf einen lokalen Kampftrinker stieß:
Ibrahim hat große Hände, und er kann damit Musik machen. Dauernd klatscht, trommelt und schnippt er. Uns Eingeborenen versucht er, eine uns vollkommen unbekannte Art des Fingerschnippens beizubringen und lacht sich dabei halb tot, während wir wie die ersten Affen dastehen und mit kompliziertesten Verrenkungen unserer Handknochen genau gar keinen Ton erzeugen. Ibrahim schnippt vergnügt und macht das so laut, dass es fast in den Ohren weh tut, während uns bereits die Sehnen heiß werden und immer noch kein Ton zu vernehmen ist.
Schließlich hat er Nachsehen mit uns und zeigt uns etwas anderes: Er macht ein galoppierendes Pferd nach. Auch das geht in Kuwait anders als in Österreich, wo man sich mit Händeklatschen und Oberschenkelpatschen zufrieden gibt. Ibrahim benützt den Hohlraum zwischen seinen gefalteten, großen Händen, seine Stirn, seine Brust und schließlich erst den Oberschenkel. Wie die Töne entstehen, die das Geräusch eines galoppierenden Gauls viel überzeugender nachahmen als unser Klatsch-Patsch, bleibt uns verborgen. Niemand der Anwesenden versucht sich an dem 'kuwaitischen Gaul'; alle blicken nur bewundernd den fremden Mann an, der mit uns mindestens genauso viel Freude zu haben scheint, wie wir mit ihm haben. Daheim wird er wohl erzählen, wie er die Barkultur in Österreich befruchtet hat und die dort Ansässigen mit billigen Tricks zum Staunen brachte.
Der große Bernd, ein 2 Meter 10 hoher Hüne mit langem, fettigem Haar und Indiandergesicht, meint, er müsse Ibrahims Darbietungen etwas entgegensetzen und macht den 'abgeschnittenen Daumen', jenen Volksschultrick also, der dem Zuseher vorgaukeln soll, dass man die Spitze seines Daumens beliebig verschieben könne, während es sich in Wahrheit um den Daumen der zweiten Hand handelt. Ibrahim kichert belustigt und macht ein Gesicht, als ob er den großen Bernd fragen wollte, ob er ihn verarschen wolle. „This is trick that make little kid!“, sagt Ibrahim und deutet die ungefähre Körpergröße an, die solche Kinder haben, welche derartige Kunststücke aufführen.
Der große Bernd zeigt noch einen Trick – diesmal mit dem Feuerzeug: Er hält es mit ausgestrecktem Arm vor seinen Körper, lässt eine Flamme erscheinen und führt dann das Feuerzeug langsam über seinen Kopf. Dann bläst der große Bernd einmal kurz, und wie von Zauberhand erlischt die Flamme über seinem Haupt! Ein bezeichnendes und passendes Bild, Ibrahim aber fühlt sich schön langsam nicht mehr ganz ernst genommen vom großen Bernd. Es ist auch eine traurige Angelegenheit: Da packt der Kuwaiti einen guten Schmäh nach dem anderen aus, und der Zeller kann nur mit Gags aufwarten, die ein kritisches Kleinkindpublikum bei jedem Kindergeburtstag mit erbostem Schwedenbomben-Werfen quittieren würde.
Ibrahim aber ist barmherzig und führt weiter Kunststücke vor, erzählt Witze und macht mit seinem Körper Musik. Irgendwer muss ihm jetzt Einhalt gebieten, sonst hält er uns für einen unkreativen Haufen leicht zu beeindruckender Wilder (was wir vermutlich auch sind)!
Also fasst sich der große Bernd erneut ein Herz und greift tief in die Trickkiste: „Look!“, sagt er und hält Ibrahim Zeige- und Mittelfinger vor das Gesicht. „Hoffentlich kommt jetzt nicht wieder so etwas wie der abgesägte Finger!“, denke ich mir. Ibrahim schaut mehr freundlich als gespannt auf die beiden dicken Bernd-Finger. Auch er erwartet jetzt nichts Besonderes, seine Höflichkeit aber gebietet ihm, dem Bernd seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Da taucht der Bernd die Finger in sein Bier, drückt sie von innen gegen das Glas und hebt so das Bier in die Höhe. Ibrahim lacht und klatscht – damit hat er zumindest nicht gerechnet! Mit einem Ruck lässt der große Bernd jetzt das Bierglas nach oben sausen, zieht die beiden Finger raus, fängt das Glas mit der selben Hand wieder auf und leert es in einem Zug. Ibrahim tobt, alle klatschen, der große Bernd streckt die Faust gen Himmel wie ein Boxer nach einem KO-Sieg. Sein Indianergesicht ziert ein breites Grinsen, halb von Freude, halb vom abendlichen Alkoholkonsum gezeichnet. „Give him another beer!“ ruft Ibrahim aufgeregt und legt auch gleich lachend das Geld hin. Jetzt hat ihn der große Bernd überzeugt!
Die Freude währt jedoch nicht lange, denn nachdem Ibrahim wieder ein paar Tricks vorgeführt hat, nimmt der große Bernd einen weiteren ersten und letzten Schluck von seinem Bier und wankt sodann rückwärts zur Türe hinaus. „I give up“, lässt er Ibrahim wissen und fällt beinahe in die Staude vor dem Lokal. Besorgt sieht Ibrahim ihm nach, dreht sich zu mir und sagt: „Is big man, hurt much when fall! - But good trick with beer! I will practice!“ Dann schnippt er wieder vergnügt und trommelt auf der Bar 1001 mir gänzlich fremde Rhythmen. Ein Abend der Völkerverständigung, des Kulturaustauschs und der Ehrenrettung durch einen Pinzgauer Kampftrinker geht zu Ende...
Ibrahim hat große Hände, und er kann damit Musik machen. Dauernd klatscht, trommelt und schnippt er. Uns Eingeborenen versucht er, eine uns vollkommen unbekannte Art des Fingerschnippens beizubringen und lacht sich dabei halb tot, während wir wie die ersten Affen dastehen und mit kompliziertesten Verrenkungen unserer Handknochen genau gar keinen Ton erzeugen. Ibrahim schnippt vergnügt und macht das so laut, dass es fast in den Ohren weh tut, während uns bereits die Sehnen heiß werden und immer noch kein Ton zu vernehmen ist.
Schließlich hat er Nachsehen mit uns und zeigt uns etwas anderes: Er macht ein galoppierendes Pferd nach. Auch das geht in Kuwait anders als in Österreich, wo man sich mit Händeklatschen und Oberschenkelpatschen zufrieden gibt. Ibrahim benützt den Hohlraum zwischen seinen gefalteten, großen Händen, seine Stirn, seine Brust und schließlich erst den Oberschenkel. Wie die Töne entstehen, die das Geräusch eines galoppierenden Gauls viel überzeugender nachahmen als unser Klatsch-Patsch, bleibt uns verborgen. Niemand der Anwesenden versucht sich an dem 'kuwaitischen Gaul'; alle blicken nur bewundernd den fremden Mann an, der mit uns mindestens genauso viel Freude zu haben scheint, wie wir mit ihm haben. Daheim wird er wohl erzählen, wie er die Barkultur in Österreich befruchtet hat und die dort Ansässigen mit billigen Tricks zum Staunen brachte.
Der große Bernd, ein 2 Meter 10 hoher Hüne mit langem, fettigem Haar und Indiandergesicht, meint, er müsse Ibrahims Darbietungen etwas entgegensetzen und macht den 'abgeschnittenen Daumen', jenen Volksschultrick also, der dem Zuseher vorgaukeln soll, dass man die Spitze seines Daumens beliebig verschieben könne, während es sich in Wahrheit um den Daumen der zweiten Hand handelt. Ibrahim kichert belustigt und macht ein Gesicht, als ob er den großen Bernd fragen wollte, ob er ihn verarschen wolle. „This is trick that make little kid!“, sagt Ibrahim und deutet die ungefähre Körpergröße an, die solche Kinder haben, welche derartige Kunststücke aufführen.
Der große Bernd zeigt noch einen Trick – diesmal mit dem Feuerzeug: Er hält es mit ausgestrecktem Arm vor seinen Körper, lässt eine Flamme erscheinen und führt dann das Feuerzeug langsam über seinen Kopf. Dann bläst der große Bernd einmal kurz, und wie von Zauberhand erlischt die Flamme über seinem Haupt! Ein bezeichnendes und passendes Bild, Ibrahim aber fühlt sich schön langsam nicht mehr ganz ernst genommen vom großen Bernd. Es ist auch eine traurige Angelegenheit: Da packt der Kuwaiti einen guten Schmäh nach dem anderen aus, und der Zeller kann nur mit Gags aufwarten, die ein kritisches Kleinkindpublikum bei jedem Kindergeburtstag mit erbostem Schwedenbomben-Werfen quittieren würde.
Ibrahim aber ist barmherzig und führt weiter Kunststücke vor, erzählt Witze und macht mit seinem Körper Musik. Irgendwer muss ihm jetzt Einhalt gebieten, sonst hält er uns für einen unkreativen Haufen leicht zu beeindruckender Wilder (was wir vermutlich auch sind)!
Also fasst sich der große Bernd erneut ein Herz und greift tief in die Trickkiste: „Look!“, sagt er und hält Ibrahim Zeige- und Mittelfinger vor das Gesicht. „Hoffentlich kommt jetzt nicht wieder so etwas wie der abgesägte Finger!“, denke ich mir. Ibrahim schaut mehr freundlich als gespannt auf die beiden dicken Bernd-Finger. Auch er erwartet jetzt nichts Besonderes, seine Höflichkeit aber gebietet ihm, dem Bernd seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Da taucht der Bernd die Finger in sein Bier, drückt sie von innen gegen das Glas und hebt so das Bier in die Höhe. Ibrahim lacht und klatscht – damit hat er zumindest nicht gerechnet! Mit einem Ruck lässt der große Bernd jetzt das Bierglas nach oben sausen, zieht die beiden Finger raus, fängt das Glas mit der selben Hand wieder auf und leert es in einem Zug. Ibrahim tobt, alle klatschen, der große Bernd streckt die Faust gen Himmel wie ein Boxer nach einem KO-Sieg. Sein Indianergesicht ziert ein breites Grinsen, halb von Freude, halb vom abendlichen Alkoholkonsum gezeichnet. „Give him another beer!“ ruft Ibrahim aufgeregt und legt auch gleich lachend das Geld hin. Jetzt hat ihn der große Bernd überzeugt!
Die Freude währt jedoch nicht lange, denn nachdem Ibrahim wieder ein paar Tricks vorgeführt hat, nimmt der große Bernd einen weiteren ersten und letzten Schluck von seinem Bier und wankt sodann rückwärts zur Türe hinaus. „I give up“, lässt er Ibrahim wissen und fällt beinahe in die Staude vor dem Lokal. Besorgt sieht Ibrahim ihm nach, dreht sich zu mir und sagt: „Is big man, hurt much when fall! - But good trick with beer! I will practice!“ Dann schnippt er wieder vergnügt und trommelt auf der Bar 1001 mir gänzlich fremde Rhythmen. Ein Abend der Völkerverständigung, des Kulturaustauschs und der Ehrenrettung durch einen Pinzgauer Kampftrinker geht zu Ende...
Donnerstag, 5. Juni 2014
Wer hat Angst vorm schwarzen Schleier?
Es ist ein bisschen wie im Kindergarten. Einer schreit "Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?", die Meute antwortet: "Niemand!" Auf die folgende Frage "Wenn er aber kommt?" wird "Dann laufen wir davon!" gesagt. Die Ironie an dem Spiel liegt bemerkenswerterweise darin, dass die Flüchtenden gar nicht davon laufen, sondern dem "Schwarzen Mann" geradewegs in die Arme. Wer gefangen wird, wird zudem selbst zum Schwarzen Mann, so lange, bis es nur noch Schwarze Männer gibt. Doch das Spiel, das mittlerweile zu Recht nicht mehr so heißt, zeigt in seiner Dramaturgie eine menschliche Grundbefindlichkeit auf: Dass wir uns zu etwas hingezogen fühlen, das wir eigentlich fürchten. Wir wollen flüchten, aber vorher wollen wir es gesehen haben, uns vergewissert haben, dass es da ist, also wahrhaftig existiert. Erst dann können wir davon rennen und am liebsten ist es uns, wenn wir fast erwischt worden wären; wenn wir in letzter Sekunde entkommen sind.
Was hat das nun mit unseren arabischen Gästen zu tun? Es hat mit der leider mehrfach getätigten und vielfach zitierten Äußerung zu tun, man könne in Zell nicht mehr an das Seeufer gehen, weil es dort vor "schwarzen Schleiern" nur so wimmle. Dann ist meistens auch schon Schluss mit der Auseinandersetzung. Anscheinend ist allein die Feststellung Begründung genug. Fragt man weiter, was denn nun der Grund dafür wäre, dass das Seeufer unbegehbar sei, kommen nur diffuse Erklärungen, dass "alles schwarz" sei und überhaupt gehe es zu wie auf dem Basar. Jemand hat also Angst vorm Schwarzen Mann bzw. vor dem schwarzen Schleier der arabischen Frauen. Vielleicht ist mit der Angst zu viel benannt, vielleicht ist es nur eine undeutliche Störung des persönlichen Wohlbefindens, die einen befällt, wenn man abends am See spazieren geht.
Doch was steckt dahinter, hinter diesem Unwohlsein, das anscheinend so viele verspüren? (So viele sind es in Wahrheit gar nicht, aber es reicht, wenn diese wenigen ein paar Sekunden Fernsehzeit bekommen, um ihrem Unwohlsein Ausdruck zu verleihen).
Um es gleich zu sagen: Ich kann das Gefühl nachvollziehen. Ja, ich habe es auch schon selbst verspürt. Aber wer es beim Spüren dieser diffusen Angst bewenden lässt und der Ursache des Gefühls nicht nachspürt, der vertut eine Chance, sich seiner Angst zu stellen und sie zu überwinden. Wie beim Spiel im Kindergarten, wenn man auf der einen Seite der Turnhalle stehen bleibt, weil man glaubt, man könne der Spieldynamik durch Passivität entgehen. Nur, dass man beim Spiel dann selbst zum "schwarzen Mann" wird; in der Realität aber steht man einfach so im Abseits und muss den anderen dabei zusehen, wie sie sich an ihrem Dasein erfreuen.
Mehrere Faktoren sind es, die uns beunruhigen, wenn wir allein durch arabische Menschengruppen am Seeufer spazieren. Ich versuche diese einmal ganz allgemein zu benennen:
1.) Das Schwarze: Die meisten Frauen, vor allem aus dem konservativen Saudi-Arabien, tragen einen schwarzen Niqab. Für uns Europäer ist die Farbe Schwarz symbolisch ein Zeichen von Trauer. Wir verbinden damit auch Bedrohliches, schließlich ist Schwarz die Farbe der Nacht und des Schattens - ganz allgemein: der Abwesenheit des Lichtes (lies: des Deutlichen, Aufgeklärten). Insofern gibt es in unserem Kulturkreis so gut wie keine positive Konnotation der Farbe Schwarz. Ein paar weniger Ausnahmen bietet unsere Mode (das Kleine Schwarze, ein schwarzer Frack): Im besten Fall können wir dem Schwarzen noch etwas Geheimnisvolles oder Edles abgewinnen. Zwar wissen wir, dass es sich in anderen Kulturen mitunter anders verhält, aber von Kindesbeinen an Erlerntes lässt sich schwer wegdenken.
2.) Das Verhüllte: Der Niqab dient der Verhüllung, und Verhüllung ist uns suspekt. Wir möchten am liebsten alles offengelegt haben, alles soll sichtbar und einsehbar sein. Grenzen kennen wir nur, wenn es um unsere Scham und unsere Bankkonten geht, kurzum: um das Private. Wer verhüllt, hat etwas zu verbergen, also prinzipiell schon einmal Dreck am Stecken. Das gilt für den Nachbar, der eine Sichtschutzwand aufstellt oder eine Hecke einpflanzt, und vor allem für den Politiker, der nicht zu allen Fragen Stellung nimmt. Dass wir noch ein fernes Verhältnis zum Reiz der Verhüllung unterhalten, merken wir höchstens daran, dass wir spärlich bekleidete Menschen jenen vorziehen, die sich ganz nackt zur Schau stellen. Der voyeuristische Trieb, der uns allen innewohnt, lebt schließlich von der Zurückhaltung; davon, dass uns etwas vorenthalten wird. Wird uns zu viel vorenthalten, entlädt sich der unbefriedigte Trieb in Frustration - oder ablehnende Aggression. (Wem das zu freudianisch ist, der halte sich an den ersten Teil des Absatzes. Wem das zu wenig freudianisch ist, den kann ich nur beruhigen, indem ich versichere, von Freud nur wenig Ahnung zu haben)
3.) Die Uniformierung: Einheitliche Kleidung symbolisiert Zusammenhalt. Zusätzlich verstärkt wird dieser Effekt durch Einfarbigkeit. Arabische Frauen nehmen wir als einfarbig Uniformierte war. Plötzlich stehen wir inmitten einer saudischen Frauenarmee - Hilfe! Ähnliches kann man erfahren, wenn man durch Wien spaziert, um eine falsche Ecke biegt und plötzlich inmitten violetter oder grüner Austria- bzw. Rapidanhänger steht. Das ist ebenso unangenehm, liegt aber (meistens) weniger an den Menschen selbst, als an dem unmittelbaren Gefühl, da nicht dazuzugehören. Viele gleich aussehende Menschen gleichen einem größeren Etwas. Man kennt das aus dem Tierreich, wo sich zum Beispiel ein Schwarm kleiner Fische die Gestalt eines großen Fisches gibt, um abschreckend zu wirken. Aber dafür, dass wir die Rapid-Fans oder die arabischen Frauen als bedrohlich empfinden, können die selber nichts. Erstere legen es vielleicht sogar darauf an, letzteren aber kann man solche Absichten wohl nicht unterstellen.
Blöd nur, dass wir medial darauf trainiert wurden, in der arabischen Kleidung etwas Bedrohliches zu sehen. Die Nachwirkungen des 11. September samt amerikanischer medialer Hyperventilierung lassen grüßen! Es wäre an der Zeit, nicht mehr unter jedem Schleier Sprengstoffgürtel zu vermuten...
Zu diesen drei Elementen gesellt sich zusätzlich noch jenes des Fremden, das gleichzeitig über allem steht: Wir hören eine fremde Sprache, wir blicken in fremde Gesichter, wir nehmen fremde Gerüche war. Das Fremde war immer schon anziehend und abstoßend zugleich. Man schützt sich davor, indem man sich in seine eigene Gruppe zurückzieht, oder man sucht danach, indem man ferne Länder bereist. Wenn uns das Fremde irritiert, und uns durch Mechanismen Angst macht, die wir ganz leicht durch ein bisschen rationales Denken als harmlos erkennen können, dann sind wir selbst schuld. Wenn wir uns Angst machen lassen vor etwas, von dem wir wissen, dass es in Wahrheit unbedenklich ist, dann erliegen wir einem kindlichen Gefühl - der Angst vor dem Krampus oder eben dem "Schwarzen Mann". Kindliche Gefühle können verlockend sein, weil sie uns an eine Zeit erinnern, in der noch andere für uns gedacht haben und andere für uns verantwortlich waren. Vielleicht hatten wir einen heimlichen Spaß an der Angst vor eingebildeten Gefahren, weil wir wussten, dass es einen Papa und eine Mama gibt, die alle Gefahren bannen können und uns nie im Leben etwas zustoßen wird, solange unsere Eltern auf uns aufpassen.
Doch als erwachsene Menschen haben wir unsere Vernunft und unsere Lebenserfahrung. Wir haben selbstständiges Denken und leben in einem friedlichen Europa, in dem wir gelernt haben, anderen Menschen und Kulturen respektvoll und neugierig zu begegnen. Vielleicht erinnern wir uns selber ab und zu daran; und vielleicht laufen wir dann dem Schwarzen Mann in die offenen Arme. "Wenn er aber kommt?" - "Dann lachen wir ihm zu!"
Was hat das nun mit unseren arabischen Gästen zu tun? Es hat mit der leider mehrfach getätigten und vielfach zitierten Äußerung zu tun, man könne in Zell nicht mehr an das Seeufer gehen, weil es dort vor "schwarzen Schleiern" nur so wimmle. Dann ist meistens auch schon Schluss mit der Auseinandersetzung. Anscheinend ist allein die Feststellung Begründung genug. Fragt man weiter, was denn nun der Grund dafür wäre, dass das Seeufer unbegehbar sei, kommen nur diffuse Erklärungen, dass "alles schwarz" sei und überhaupt gehe es zu wie auf dem Basar. Jemand hat also Angst vorm Schwarzen Mann bzw. vor dem schwarzen Schleier der arabischen Frauen. Vielleicht ist mit der Angst zu viel benannt, vielleicht ist es nur eine undeutliche Störung des persönlichen Wohlbefindens, die einen befällt, wenn man abends am See spazieren geht.
Doch was steckt dahinter, hinter diesem Unwohlsein, das anscheinend so viele verspüren? (So viele sind es in Wahrheit gar nicht, aber es reicht, wenn diese wenigen ein paar Sekunden Fernsehzeit bekommen, um ihrem Unwohlsein Ausdruck zu verleihen).
Um es gleich zu sagen: Ich kann das Gefühl nachvollziehen. Ja, ich habe es auch schon selbst verspürt. Aber wer es beim Spüren dieser diffusen Angst bewenden lässt und der Ursache des Gefühls nicht nachspürt, der vertut eine Chance, sich seiner Angst zu stellen und sie zu überwinden. Wie beim Spiel im Kindergarten, wenn man auf der einen Seite der Turnhalle stehen bleibt, weil man glaubt, man könne der Spieldynamik durch Passivität entgehen. Nur, dass man beim Spiel dann selbst zum "schwarzen Mann" wird; in der Realität aber steht man einfach so im Abseits und muss den anderen dabei zusehen, wie sie sich an ihrem Dasein erfreuen.
Mehrere Faktoren sind es, die uns beunruhigen, wenn wir allein durch arabische Menschengruppen am Seeufer spazieren. Ich versuche diese einmal ganz allgemein zu benennen:
1.) Das Schwarze: Die meisten Frauen, vor allem aus dem konservativen Saudi-Arabien, tragen einen schwarzen Niqab. Für uns Europäer ist die Farbe Schwarz symbolisch ein Zeichen von Trauer. Wir verbinden damit auch Bedrohliches, schließlich ist Schwarz die Farbe der Nacht und des Schattens - ganz allgemein: der Abwesenheit des Lichtes (lies: des Deutlichen, Aufgeklärten). Insofern gibt es in unserem Kulturkreis so gut wie keine positive Konnotation der Farbe Schwarz. Ein paar weniger Ausnahmen bietet unsere Mode (das Kleine Schwarze, ein schwarzer Frack): Im besten Fall können wir dem Schwarzen noch etwas Geheimnisvolles oder Edles abgewinnen. Zwar wissen wir, dass es sich in anderen Kulturen mitunter anders verhält, aber von Kindesbeinen an Erlerntes lässt sich schwer wegdenken.
2.) Das Verhüllte: Der Niqab dient der Verhüllung, und Verhüllung ist uns suspekt. Wir möchten am liebsten alles offengelegt haben, alles soll sichtbar und einsehbar sein. Grenzen kennen wir nur, wenn es um unsere Scham und unsere Bankkonten geht, kurzum: um das Private. Wer verhüllt, hat etwas zu verbergen, also prinzipiell schon einmal Dreck am Stecken. Das gilt für den Nachbar, der eine Sichtschutzwand aufstellt oder eine Hecke einpflanzt, und vor allem für den Politiker, der nicht zu allen Fragen Stellung nimmt. Dass wir noch ein fernes Verhältnis zum Reiz der Verhüllung unterhalten, merken wir höchstens daran, dass wir spärlich bekleidete Menschen jenen vorziehen, die sich ganz nackt zur Schau stellen. Der voyeuristische Trieb, der uns allen innewohnt, lebt schließlich von der Zurückhaltung; davon, dass uns etwas vorenthalten wird. Wird uns zu viel vorenthalten, entlädt sich der unbefriedigte Trieb in Frustration - oder ablehnende Aggression. (Wem das zu freudianisch ist, der halte sich an den ersten Teil des Absatzes. Wem das zu wenig freudianisch ist, den kann ich nur beruhigen, indem ich versichere, von Freud nur wenig Ahnung zu haben)
3.) Die Uniformierung: Einheitliche Kleidung symbolisiert Zusammenhalt. Zusätzlich verstärkt wird dieser Effekt durch Einfarbigkeit. Arabische Frauen nehmen wir als einfarbig Uniformierte war. Plötzlich stehen wir inmitten einer saudischen Frauenarmee - Hilfe! Ähnliches kann man erfahren, wenn man durch Wien spaziert, um eine falsche Ecke biegt und plötzlich inmitten violetter oder grüner Austria- bzw. Rapidanhänger steht. Das ist ebenso unangenehm, liegt aber (meistens) weniger an den Menschen selbst, als an dem unmittelbaren Gefühl, da nicht dazuzugehören. Viele gleich aussehende Menschen gleichen einem größeren Etwas. Man kennt das aus dem Tierreich, wo sich zum Beispiel ein Schwarm kleiner Fische die Gestalt eines großen Fisches gibt, um abschreckend zu wirken. Aber dafür, dass wir die Rapid-Fans oder die arabischen Frauen als bedrohlich empfinden, können die selber nichts. Erstere legen es vielleicht sogar darauf an, letzteren aber kann man solche Absichten wohl nicht unterstellen.
Blöd nur, dass wir medial darauf trainiert wurden, in der arabischen Kleidung etwas Bedrohliches zu sehen. Die Nachwirkungen des 11. September samt amerikanischer medialer Hyperventilierung lassen grüßen! Es wäre an der Zeit, nicht mehr unter jedem Schleier Sprengstoffgürtel zu vermuten...
Zu diesen drei Elementen gesellt sich zusätzlich noch jenes des Fremden, das gleichzeitig über allem steht: Wir hören eine fremde Sprache, wir blicken in fremde Gesichter, wir nehmen fremde Gerüche war. Das Fremde war immer schon anziehend und abstoßend zugleich. Man schützt sich davor, indem man sich in seine eigene Gruppe zurückzieht, oder man sucht danach, indem man ferne Länder bereist. Wenn uns das Fremde irritiert, und uns durch Mechanismen Angst macht, die wir ganz leicht durch ein bisschen rationales Denken als harmlos erkennen können, dann sind wir selbst schuld. Wenn wir uns Angst machen lassen vor etwas, von dem wir wissen, dass es in Wahrheit unbedenklich ist, dann erliegen wir einem kindlichen Gefühl - der Angst vor dem Krampus oder eben dem "Schwarzen Mann". Kindliche Gefühle können verlockend sein, weil sie uns an eine Zeit erinnern, in der noch andere für uns gedacht haben und andere für uns verantwortlich waren. Vielleicht hatten wir einen heimlichen Spaß an der Angst vor eingebildeten Gefahren, weil wir wussten, dass es einen Papa und eine Mama gibt, die alle Gefahren bannen können und uns nie im Leben etwas zustoßen wird, solange unsere Eltern auf uns aufpassen.
Doch als erwachsene Menschen haben wir unsere Vernunft und unsere Lebenserfahrung. Wir haben selbstständiges Denken und leben in einem friedlichen Europa, in dem wir gelernt haben, anderen Menschen und Kulturen respektvoll und neugierig zu begegnen. Vielleicht erinnern wir uns selber ab und zu daran; und vielleicht laufen wir dann dem Schwarzen Mann in die offenen Arme. "Wenn er aber kommt?" - "Dann lachen wir ihm zu!"
Freitag, 30. Mai 2014
Eine Aufregung
Die Arroganz kennt - im Gegensatz zur Gastfreundschaft - keine Grenzen!
Es ist schon phänomenal, was wir alles schaffen. Die neueste Errungenschaft der Zeller Öffentlichkeitsarbeit besteht in einem ZDF-Beitrag, in dem wir uns als recht primitiv denkende Mir-san-mir-Gebirgsvölkler verkaufen.
Zum einen ist da eine Hotelchefin zu sehen, die mit Arabern nichts mehr zu tun hat, weil sie sämtliche Register zieht, um diese Gäste nur ja von ihrem Hotel fernzuhalten - was, nebenbei bemerkt, ihr gutes Recht ist. Was sie an den verschleierten Frauen störe, wird sie von der Reporterin gefragt. Sie antwortet, dass man ja nie genau wisse, was darunter stecke. Schließlich gebe es ja auch Terroristen. (!)
Pikanterweise ist es ausgerechnet das Zweithotel dieser Familie, direkt am Zeller See, das seit vielen Jahren ein sehr gutes Geschäft mit den Arabern macht. Und es war obendrauf der Sohn besagter Hoteldame, der noch vor kurzem in den Medien behauptet hat, die "Benimmfibel" für die Araber sei eine Art "Tourismus-Apartheid" und diskriminierend.
Diese Janusköpfigkeit ist leider symptomatisch in Zell am See. Immer wieder sind die größten Kritiker der "Araberflut" gleichzeitig ihre größten Nutznießer. Nach einem Alternativkonzept befragt, wird dann darauf verwiesen, dass man international breiter aufgestellt sein müsse, und das noch dazu im Hochpreissegment. (Als könnten sich Araber keine 5-Stern-Hotels leisten! Als würden irgendwelche fiktiven Schweizer der Berge und Seen wegen nach Österreich fahren!) Denn die deutschen Knauser-Touristen, die will man ja auch nicht. Und die saufenden Schweden wollte man auch nicht. Die polternden Russen will man schon überhaupt nicht.
Was man jetzt mit den Arabern anfangen soll, darüber herrscht Uneinigkeit. Zumindest hat sich die Stimmung schon ein wenig geändert, langsam scheint es auch tatsächlich einen Diskurs darüber zu geben, der Ansätze von Konstruktivität zeigt. Dass wir aber als vorgebliche Top-Tourismusregion es nicht verstehen, uns interkulturelle Kompetenzen anzueignen, um auch mit Gästen umgehen zu können, die nicht aus den unmittelbaren europäischen Nachbarstaaten kommen, ist traurig. Eigentlich haben wir die Chance vergeben, uns die Araber zu Freunden zu machen. Ganz Europa hätte von den Zellern lernen können, wie man mit diesen Menschen respektvoll umgeht und mit ihnen Geschäfte macht.
Vielleicht ist es jetzt zu spät dafür. Denn obwohl sich die Araber daran gewöhnt haben, von den Zellern freundlich ignoriert zu werden, trägt die derzeitige internationale (!) Berichterstattung vermutlich dazu bei, dass sie mitbekommen, wie anscheinend viele Zeller wirklich über sie denken. Unseren Status als Paradies, den wir uns allein wegen unseres landschaftlichen Reichtums (für den wir am allerwenigsten können), und nicht etwa auch durch gelebte Gastfreundschaft über die Jahre erarbeitet haben - den können wir ganz schnell wieder verlieren. Und dann tragen die Araber ihr Geld woanders hin und wir haben endlich wieder einen wirklichen Grund zu jammern.
Es sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass sich der Tourismusverband mit der Thematik in den letzten Jahren so gut wie gar nicht auseinandergesetzt hat. Jetzt gibt es eine Broschüre, die ihren Sinn und Zweck vielleicht erfüllen wird. Den ersten hat sie schon erfüllt, denn sie hat das Thema nun endlich der öffentlichen Diskussion zugeführt. Dies geschieht zwar auf teilweise unerwünschten Wegen, aber anstatt anständig und offen darüber zu sprechen, wird dem ZDF-Filmteam empfohlen, ihren Beitrag über die Araber in Zell am See "lieber nicht" zu bringen. Wie peinlich, wenn das im Beitrag dann auch noch explizit so gesagt wird!
Und dann sitzt die Chefin des Tourismusverbandes vor der Kamera und spricht in Bezug auf den "Kulturführer" davon, dass ja die Araber noch vor "zwei, drei Generationen Schaf- und Ziegenhirten" gewesen seien! Das mag zwar in der Sache nicht falsch sein, aber gibt das ein gutes Bild ab? (Und bitte vergessen wir auch nicht, dass dasselbe auch für viele Hoteliersfamilien in der Region gilt. Nur dass es da halt nicht Schafe und Ziegen waren, sondern Schweine und Kühe.) Das ist despektierlich und beschämend. Das klingt, als wollten wir Zeller mit einem kleinen Büchlein dem durch Zufall zu Geld gekommenen Beduinenvolk eine Kultur beibringen. So wollen wir uns dem heißgeliebten deutschen Publikum präsentieren? Gar der Welt?
Ich finde, wir könnten es gescheiter machen. Durch die alte Geschichte mit der Bildung und Aufklärung - das sprichwörtliche Blicken (und Denken!) über den Tellerrand. Durch Freundlichkeit und Offenheit. Durch Anständigkeit und die Bereitschaft, Probleme gemeinsam zu lösen. Mit gemeinsam meine ich sowohl alle Zellerinnen und Zeller zusammen (nicht nur Hotellerie und Handel). Und mit gemeinsam meine ich auch zusammen mit den Arabern.
Vielleicht finden sich bei der nächsten Veranstaltung, in der es um Verständnis und Kommunikation geht, ein paar Leute mehr. Denn bis jetzt sind vor allem jene Veranstaltungen gut besucht, in denen schön geschimpft werden kann. Das ist auch traurig. Das ist auch beschämend. Das können wir bestimmt besser!
Es ist schon phänomenal, was wir alles schaffen. Die neueste Errungenschaft der Zeller Öffentlichkeitsarbeit besteht in einem ZDF-Beitrag, in dem wir uns als recht primitiv denkende Mir-san-mir-Gebirgsvölkler verkaufen.
Zum einen ist da eine Hotelchefin zu sehen, die mit Arabern nichts mehr zu tun hat, weil sie sämtliche Register zieht, um diese Gäste nur ja von ihrem Hotel fernzuhalten - was, nebenbei bemerkt, ihr gutes Recht ist. Was sie an den verschleierten Frauen störe, wird sie von der Reporterin gefragt. Sie antwortet, dass man ja nie genau wisse, was darunter stecke. Schließlich gebe es ja auch Terroristen. (!)
Pikanterweise ist es ausgerechnet das Zweithotel dieser Familie, direkt am Zeller See, das seit vielen Jahren ein sehr gutes Geschäft mit den Arabern macht. Und es war obendrauf der Sohn besagter Hoteldame, der noch vor kurzem in den Medien behauptet hat, die "Benimmfibel" für die Araber sei eine Art "Tourismus-Apartheid" und diskriminierend.
Diese Janusköpfigkeit ist leider symptomatisch in Zell am See. Immer wieder sind die größten Kritiker der "Araberflut" gleichzeitig ihre größten Nutznießer. Nach einem Alternativkonzept befragt, wird dann darauf verwiesen, dass man international breiter aufgestellt sein müsse, und das noch dazu im Hochpreissegment. (Als könnten sich Araber keine 5-Stern-Hotels leisten! Als würden irgendwelche fiktiven Schweizer der Berge und Seen wegen nach Österreich fahren!) Denn die deutschen Knauser-Touristen, die will man ja auch nicht. Und die saufenden Schweden wollte man auch nicht. Die polternden Russen will man schon überhaupt nicht.
Was man jetzt mit den Arabern anfangen soll, darüber herrscht Uneinigkeit. Zumindest hat sich die Stimmung schon ein wenig geändert, langsam scheint es auch tatsächlich einen Diskurs darüber zu geben, der Ansätze von Konstruktivität zeigt. Dass wir aber als vorgebliche Top-Tourismusregion es nicht verstehen, uns interkulturelle Kompetenzen anzueignen, um auch mit Gästen umgehen zu können, die nicht aus den unmittelbaren europäischen Nachbarstaaten kommen, ist traurig. Eigentlich haben wir die Chance vergeben, uns die Araber zu Freunden zu machen. Ganz Europa hätte von den Zellern lernen können, wie man mit diesen Menschen respektvoll umgeht und mit ihnen Geschäfte macht.
Vielleicht ist es jetzt zu spät dafür. Denn obwohl sich die Araber daran gewöhnt haben, von den Zellern freundlich ignoriert zu werden, trägt die derzeitige internationale (!) Berichterstattung vermutlich dazu bei, dass sie mitbekommen, wie anscheinend viele Zeller wirklich über sie denken. Unseren Status als Paradies, den wir uns allein wegen unseres landschaftlichen Reichtums (für den wir am allerwenigsten können), und nicht etwa auch durch gelebte Gastfreundschaft über die Jahre erarbeitet haben - den können wir ganz schnell wieder verlieren. Und dann tragen die Araber ihr Geld woanders hin und wir haben endlich wieder einen wirklichen Grund zu jammern.
Es sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass sich der Tourismusverband mit der Thematik in den letzten Jahren so gut wie gar nicht auseinandergesetzt hat. Jetzt gibt es eine Broschüre, die ihren Sinn und Zweck vielleicht erfüllen wird. Den ersten hat sie schon erfüllt, denn sie hat das Thema nun endlich der öffentlichen Diskussion zugeführt. Dies geschieht zwar auf teilweise unerwünschten Wegen, aber anstatt anständig und offen darüber zu sprechen, wird dem ZDF-Filmteam empfohlen, ihren Beitrag über die Araber in Zell am See "lieber nicht" zu bringen. Wie peinlich, wenn das im Beitrag dann auch noch explizit so gesagt wird!
Und dann sitzt die Chefin des Tourismusverbandes vor der Kamera und spricht in Bezug auf den "Kulturführer" davon, dass ja die Araber noch vor "zwei, drei Generationen Schaf- und Ziegenhirten" gewesen seien! Das mag zwar in der Sache nicht falsch sein, aber gibt das ein gutes Bild ab? (Und bitte vergessen wir auch nicht, dass dasselbe auch für viele Hoteliersfamilien in der Region gilt. Nur dass es da halt nicht Schafe und Ziegen waren, sondern Schweine und Kühe.) Das ist despektierlich und beschämend. Das klingt, als wollten wir Zeller mit einem kleinen Büchlein dem durch Zufall zu Geld gekommenen Beduinenvolk eine Kultur beibringen. So wollen wir uns dem heißgeliebten deutschen Publikum präsentieren? Gar der Welt?
Ich finde, wir könnten es gescheiter machen. Durch die alte Geschichte mit der Bildung und Aufklärung - das sprichwörtliche Blicken (und Denken!) über den Tellerrand. Durch Freundlichkeit und Offenheit. Durch Anständigkeit und die Bereitschaft, Probleme gemeinsam zu lösen. Mit gemeinsam meine ich sowohl alle Zellerinnen und Zeller zusammen (nicht nur Hotellerie und Handel). Und mit gemeinsam meine ich auch zusammen mit den Arabern.
Vielleicht finden sich bei der nächsten Veranstaltung, in der es um Verständnis und Kommunikation geht, ein paar Leute mehr. Denn bis jetzt sind vor allem jene Veranstaltungen gut besucht, in denen schön geschimpft werden kann. Das ist auch traurig. Das ist auch beschämend. Das können wir bestimmt besser!
Dienstag, 27. Mai 2014
Hot Milk
Folgende Begebenheit illustriert wunderbar die sprachlichen Probleme, die man mit arabischen Gästen haben kann. Viele sind des Englischen nicht oder nur ungenügend mächtig und so werden selbst die einfachsten Anfragen oft zu mühseligen Angelegenheiten. Dass in vielen Fällen ausgerechnet die Frauen als Helfer in der Not einspringen müssen, erfüllt mich persönlich immer wieder mit Genugtuung. In diesem Fall kam das so:
Am Frühstücksbuffet
Der Araber starrt unsicher in den Krug mit der kalten Milch. Hilfesuchend sieht er sich um.
"Can I help you?", frage ich. Er deutet auf den Krug und sagt "Milk! milk?!"
"Yes, it's milk", versuche ich seine Zweifel zu zerstreuen. Der Araber macht eine abwehrende Handbewegung. Dann scheint er mit einer Hand die Milch durchzustreichen.
"No milk?", frage ich verunsichert. "Yes, yes!" und wieder streicht er die Milch durch. Dann hebt er mit einer Hand die Milch etwas an und lässt die Handfläche der anderen mysteriös unter der Kanne kreisen. Es sieht aus als wollte er dem Krug etwas Zauberhaftes entlocken.
"Warm milk?", rate ich und imitiere seine Handbewegungen zaghaft. Der Araber sieht mich verstört an. Anscheinend habe ich jetzt etwas ganz Falsches gesagt.
"No, no, but..." sagt er und beschwört wieder den Krug. Ich möchte ihm ja wirklich helfen, doch ein Teil von mir wartet bereits darauf, dass die Milch auf die Handbewegungen des Arabers in irgendeiner Weise reagiert. So starren wir gemeinsam auf den Milchkrug und wissen nicht weiter.
Da kommt mir die Idee mit den Synonymen: "Hot milk? Warm milk? ... Milk warm, hot? ... Boil? ... Heat?", frage ich, während meinen Händen die absurdesten Gesten einfallen. So bilde ich mit meinen Fingern züngelnde Flammen nach, drehe an imaginären Gashähnen und schüttle die Hände als hätte ich sie mir gerade verbrüht.
Der Araber schaut entsetzt. - "Milk different?", erkundigt er sich und es klingt als frage er nach meiner geistigen Gesundheit.
"You want different milk? What milk? This is normal milk. You want soy milk? Low-fat milk?" - ich werde immer aufgeregter. Nicht, dass ich ihm mit Soja- oder Halbfettmilch dienen könnte, aber momentan interessiert mich einfach, was mir der Mensch mit seinen seltsamen Anstalten zu verstehen geben möchte.
Er wirkt etwas verzagt, sieht sich wieder hilfesuchend um; draußen sitzt seine Frau auf der Terrasse. Er deutet mir zu warten, lächelt schuldbewusst und verschwindet zu seinem Tisch. Ich bleibe stehen und untersuche inzwischen die Milch nach etwaigen Mängeln. Doch es scheint alles in Ordnung zu sein.
Der Araber kommt zurück und versucht es noch einmal: "Milk! I need milk milk!"
"Milk milk?", imitiere ich seine Babysprache belustigt.
"This milk, different!", und wieder beschwört er die Kanne. Er kann eigentlich nur warme Milch meinen, und schon drehe ich mich um, um dem armen Araber warme Milch zu holen, da sagt er "Wait!" und deutet mir, mitzukommen.
Ich folge ihm auf die Terrasse, doch kurz vor seinem Tisch zeigt er mir an, dass ich stehen bleiben solle. Er spricht aufgeregt mit seiner Frau. Dann ruft er mir etwas auf Arabisch zu. Ich hebe meine Augenbrauen und sehe beide abwechselnd fragend an. Schließlich gibt er auf, winkt mich an den Tisch und deutet vielsagend auf seine Frau.
"Hot milk, please!", murmelt diese unter ihrem Schleier hervor und in ihrer Stimme meine ich ein Lächeln zu hören, welches ich natürlich nicht sehen kann. Ich drehe mich triumphierend zu ihrem Mann und wiederhole: "Hot milk, you see! Warm milk! Hot milk!" Er nickt heftig mit dem Kopf, als hätte er nie irgendetwas anderes gesagt.
Erleichtert springe ich davon, und als ich wieder an ihren Tisch komme, wiederhole ich: "Hot milk! Warm milk!" - "Yes, yes!" nickt der Araber und lacht, weil er wohl wieder eine neue Vokabel gelernt hat.
Die Meinung seiner Frau zu diesem Thema kann ich nur vermuten, aber ich denke, sie hat sich gefreut, dass sie mit ihren Englischkenntnissen das Frühstück ein wenig gelungener gestalten konnte. Ob sich ihr Mann für sein schlechtes Englisch geschämt hat? Ich bezweifle es...
Am Frühstücksbuffet
Der Araber starrt unsicher in den Krug mit der kalten Milch. Hilfesuchend sieht er sich um.
"Can I help you?", frage ich. Er deutet auf den Krug und sagt "Milk! milk?!"
"Yes, it's milk", versuche ich seine Zweifel zu zerstreuen. Der Araber macht eine abwehrende Handbewegung. Dann scheint er mit einer Hand die Milch durchzustreichen.
"No milk?", frage ich verunsichert. "Yes, yes!" und wieder streicht er die Milch durch. Dann hebt er mit einer Hand die Milch etwas an und lässt die Handfläche der anderen mysteriös unter der Kanne kreisen. Es sieht aus als wollte er dem Krug etwas Zauberhaftes entlocken.
"Warm milk?", rate ich und imitiere seine Handbewegungen zaghaft. Der Araber sieht mich verstört an. Anscheinend habe ich jetzt etwas ganz Falsches gesagt.
"No, no, but..." sagt er und beschwört wieder den Krug. Ich möchte ihm ja wirklich helfen, doch ein Teil von mir wartet bereits darauf, dass die Milch auf die Handbewegungen des Arabers in irgendeiner Weise reagiert. So starren wir gemeinsam auf den Milchkrug und wissen nicht weiter.
Da kommt mir die Idee mit den Synonymen: "Hot milk? Warm milk? ... Milk warm, hot? ... Boil? ... Heat?", frage ich, während meinen Händen die absurdesten Gesten einfallen. So bilde ich mit meinen Fingern züngelnde Flammen nach, drehe an imaginären Gashähnen und schüttle die Hände als hätte ich sie mir gerade verbrüht.
Der Araber schaut entsetzt. - "Milk different?", erkundigt er sich und es klingt als frage er nach meiner geistigen Gesundheit.
"You want different milk? What milk? This is normal milk. You want soy milk? Low-fat milk?" - ich werde immer aufgeregter. Nicht, dass ich ihm mit Soja- oder Halbfettmilch dienen könnte, aber momentan interessiert mich einfach, was mir der Mensch mit seinen seltsamen Anstalten zu verstehen geben möchte.
Er wirkt etwas verzagt, sieht sich wieder hilfesuchend um; draußen sitzt seine Frau auf der Terrasse. Er deutet mir zu warten, lächelt schuldbewusst und verschwindet zu seinem Tisch. Ich bleibe stehen und untersuche inzwischen die Milch nach etwaigen Mängeln. Doch es scheint alles in Ordnung zu sein.
Der Araber kommt zurück und versucht es noch einmal: "Milk! I need milk milk!"
"Milk milk?", imitiere ich seine Babysprache belustigt.
"This milk, different!", und wieder beschwört er die Kanne. Er kann eigentlich nur warme Milch meinen, und schon drehe ich mich um, um dem armen Araber warme Milch zu holen, da sagt er "Wait!" und deutet mir, mitzukommen.
Ich folge ihm auf die Terrasse, doch kurz vor seinem Tisch zeigt er mir an, dass ich stehen bleiben solle. Er spricht aufgeregt mit seiner Frau. Dann ruft er mir etwas auf Arabisch zu. Ich hebe meine Augenbrauen und sehe beide abwechselnd fragend an. Schließlich gibt er auf, winkt mich an den Tisch und deutet vielsagend auf seine Frau.
"Hot milk, please!", murmelt diese unter ihrem Schleier hervor und in ihrer Stimme meine ich ein Lächeln zu hören, welches ich natürlich nicht sehen kann. Ich drehe mich triumphierend zu ihrem Mann und wiederhole: "Hot milk, you see! Warm milk! Hot milk!" Er nickt heftig mit dem Kopf, als hätte er nie irgendetwas anderes gesagt.
Erleichtert springe ich davon, und als ich wieder an ihren Tisch komme, wiederhole ich: "Hot milk! Warm milk!" - "Yes, yes!" nickt der Araber und lacht, weil er wohl wieder eine neue Vokabel gelernt hat.
Die Meinung seiner Frau zu diesem Thema kann ich nur vermuten, aber ich denke, sie hat sich gefreut, dass sie mit ihren Englischkenntnissen das Frühstück ein wenig gelungener gestalten konnte. Ob sich ihr Mann für sein schlechtes Englisch geschämt hat? Ich bezweifle es...
Sonntag, 25. Mai 2014
Überraschung mit Ankündigung
Ein ZDF-Filmteam schleicht durch die Zeller Innenstadt. Offenbar sind sie auf der Suche nach verschleierten Arabern und aufgebrachten Einheimischen in Lederhosen, die ihnen den Müll hinterherwerfen, den erstere achtlos liegen gelassen haben. Die Filmcrew muss enttäuscht sein, denn es schieben sich an diesem Sonntag Nachmittag nur ein paar deutsche Rentnergruppen müde durch die Straßen. Vielleicht können die Journalisten diese interviewen und fragen, ob sie ein paar von diesen sonderbaren Gästen aus dem Morgenland gesehen haben; und ob sie sich auch so gestört fühlten wie es die Einheimischen anscheinend vorgeben zu sein. Ob sie Erfolg hatten, weiß ich nicht, aber vielleicht verrät es uns demnächst das deutsche Fernsehen.
Nach ein paar Presseberichten (u.a. in der Süddeutschen Zeitung und der britischen Daily Mail), ist das Interesse an unserem kleinen Alpenparadies offenbar dramatisch gestiegen. Das alles seit der ORF-Journalist Karim El-Gawhary letzen Dienstag nach Zell geladen wurde. Eigentlich sollte er sein neues Buch vorstellen, doch im hiesigen Kongresszentrum, das bis auf den letzten Platz besetzt war (eine Premiere?), stand er einem aufgebrachten Zeller Publikum gegenüber. Er sollte sich nun zur regionalen 'Araberproblematik' äußern. Gescheiterweise hat er uns bloß daran erinnert, dass mit ein bisschen Aufgeschlossenheit und Respekt viele Probleme zu überwinden sind, und dass wir froh sein sollten, selbst keine gröberen zu haben. (Wie viele Menschen, die in der arabischen Welt geboren wurden und nicht das Glück haben, im Sommer Zell am See besuchen zu können).
Die "Benimmfibel für Araber" wirbelte viel Wüstenstaub auf in den letzten Tagen. Dieser trübte sowohl das Panorama wie auch die Stirn vieler kritischer Beobachter. Von Rassismus und Tourismus-Apartheid war da die Rede. Dabei erklären wir unseren arabischen Gästen nur unsere Kultur und wie es bei uns so zugeht. Für viele ist das hilfreich und viele andere wissen von ihren vorangegangenen Besuchen eh schon Bescheid. Und da liegt das Grundproblem, warum der ganze Bahoi, der um diesen Ratgeber gemacht wurde, überhaupt unsinnig ist: Weil er gefühlte 15 Jahre zu spät kommt. Weil sich die Zeller, anstatt sich mit ihren neuen Gästen auseinanderzusetzen, wie die kleinen Kinder die Augen und Ohren zugehalten haben in der Hoffnung, der böse Spuk möge bald vorbei sein. Als sie bemerkten, dass dies nicht so bald der Fall sein würde, fingen sie an, Schauergeschichten über die "Verschleierten" zu erzählen. Die Araber störte das natürlich nur wenig, denn sie wussten nichts davon. Nur, dass sie von den seltsamen Gebirglern nicht viel Freundschaftliches erwarten könnten, das mussten sie bald spüren. Es hat daher auch noch keiner von ihnen gesagt, dass er wegen der Menschen so gerne nach Österreich reisen würde...
Ausgrausigen hat nicht funktioniert, also arrangierte man sich so gut es ging, holte sich quasi die Feinde in die Hotelbetten. Jetzt kommt man plötzlich darauf, dass man ja auch mit ihnen reden könnte und gestaltet eine Broschüre, die den Gästen das erklärt, was wir ihnen während der letzten Dekade nicht verständlich machen konnten. (Nicht, weil sie es nicht kapierten, sondern weil wir es nicht versucht haben!) Dass wir nämlich auch nur Menschen sind, unsere eigene Kultur haben, und gerne Gäste da haben, die auch gewisse Regeln respektieren. Prinzipiell ein richtiger Schritt, aber, wie gesagt, ein später. Wer jetzt glaubt, wir drücken den Arabern eine Broschüre in die Hand und alles wird gut, hat nichts verstanden. Das ist alles erst der Anfang von etwas, was man heutzutage unter Völkerverständigung (oder interkulturellem Austausch) versteht. Gerne möchte ich Karim El-Gawhary Glauben schenken, wenn er auf seiner Facebook-Seite sagt: "Ich bin sicher, dass die Menschen in Zell am See die Probleme in den Griff bekommen, wenn sie aufgeschlossen bleiben."
Vielleicht sind auch viele froh, dass ahnungslose deutsche Filmteams gerade jetzt nach Zell kommen und nicht erst im August, wenn sie ihren Stationen auch die richtigen Bilder liefern können: Jene des schwarzen Horrors am "Golf von Österreich", tausende Araber in Motorbooten, Autos und auf Fahrrädern. Und möglicherweise kommen auch nächstes Wochenende noch ein paar Journalisten, wenn tausende Rentner aus Deutschland, Italien und der Schweiz die Zeller Straßen im Rahmen des Salzburger Musikfrühlings säumen - einer kurzen Veranstaltung ohne grässlich komplizierter Kulturgräben.
Nach ein paar Presseberichten (u.a. in der Süddeutschen Zeitung und der britischen Daily Mail), ist das Interesse an unserem kleinen Alpenparadies offenbar dramatisch gestiegen. Das alles seit der ORF-Journalist Karim El-Gawhary letzen Dienstag nach Zell geladen wurde. Eigentlich sollte er sein neues Buch vorstellen, doch im hiesigen Kongresszentrum, das bis auf den letzten Platz besetzt war (eine Premiere?), stand er einem aufgebrachten Zeller Publikum gegenüber. Er sollte sich nun zur regionalen 'Araberproblematik' äußern. Gescheiterweise hat er uns bloß daran erinnert, dass mit ein bisschen Aufgeschlossenheit und Respekt viele Probleme zu überwinden sind, und dass wir froh sein sollten, selbst keine gröberen zu haben. (Wie viele Menschen, die in der arabischen Welt geboren wurden und nicht das Glück haben, im Sommer Zell am See besuchen zu können).
Die "Benimmfibel für Araber" wirbelte viel Wüstenstaub auf in den letzten Tagen. Dieser trübte sowohl das Panorama wie auch die Stirn vieler kritischer Beobachter. Von Rassismus und Tourismus-Apartheid war da die Rede. Dabei erklären wir unseren arabischen Gästen nur unsere Kultur und wie es bei uns so zugeht. Für viele ist das hilfreich und viele andere wissen von ihren vorangegangenen Besuchen eh schon Bescheid. Und da liegt das Grundproblem, warum der ganze Bahoi, der um diesen Ratgeber gemacht wurde, überhaupt unsinnig ist: Weil er gefühlte 15 Jahre zu spät kommt. Weil sich die Zeller, anstatt sich mit ihren neuen Gästen auseinanderzusetzen, wie die kleinen Kinder die Augen und Ohren zugehalten haben in der Hoffnung, der böse Spuk möge bald vorbei sein. Als sie bemerkten, dass dies nicht so bald der Fall sein würde, fingen sie an, Schauergeschichten über die "Verschleierten" zu erzählen. Die Araber störte das natürlich nur wenig, denn sie wussten nichts davon. Nur, dass sie von den seltsamen Gebirglern nicht viel Freundschaftliches erwarten könnten, das mussten sie bald spüren. Es hat daher auch noch keiner von ihnen gesagt, dass er wegen der Menschen so gerne nach Österreich reisen würde...
Ausgrausigen hat nicht funktioniert, also arrangierte man sich so gut es ging, holte sich quasi die Feinde in die Hotelbetten. Jetzt kommt man plötzlich darauf, dass man ja auch mit ihnen reden könnte und gestaltet eine Broschüre, die den Gästen das erklärt, was wir ihnen während der letzten Dekade nicht verständlich machen konnten. (Nicht, weil sie es nicht kapierten, sondern weil wir es nicht versucht haben!) Dass wir nämlich auch nur Menschen sind, unsere eigene Kultur haben, und gerne Gäste da haben, die auch gewisse Regeln respektieren. Prinzipiell ein richtiger Schritt, aber, wie gesagt, ein später. Wer jetzt glaubt, wir drücken den Arabern eine Broschüre in die Hand und alles wird gut, hat nichts verstanden. Das ist alles erst der Anfang von etwas, was man heutzutage unter Völkerverständigung (oder interkulturellem Austausch) versteht. Gerne möchte ich Karim El-Gawhary Glauben schenken, wenn er auf seiner Facebook-Seite sagt: "Ich bin sicher, dass die Menschen in Zell am See die Probleme in den Griff bekommen, wenn sie aufgeschlossen bleiben."
Vielleicht sind auch viele froh, dass ahnungslose deutsche Filmteams gerade jetzt nach Zell kommen und nicht erst im August, wenn sie ihren Stationen auch die richtigen Bilder liefern können: Jene des schwarzen Horrors am "Golf von Österreich", tausende Araber in Motorbooten, Autos und auf Fahrrädern. Und möglicherweise kommen auch nächstes Wochenende noch ein paar Journalisten, wenn tausende Rentner aus Deutschland, Italien und der Schweiz die Zeller Straßen im Rahmen des Salzburger Musikfrühlings säumen - einer kurzen Veranstaltung ohne grässlich komplizierter Kulturgräben.
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