Irgendwas scheint falsch zu sein an der Bezeichnung "Morgenland". Ja, die Sonne geht im Osten auf, aber der Araber merkt davon bis Mittag nichts. Denn erst wenn sie am Abend wieder untergeht, wird der arabische Gast aktiv. Vielleicht ist das seine Vorstellung von Urlaub im Abendland, und er hält sich allzu akkurat daran. Vielleicht liegt es auch daran, dass man in heißen Regionen tagsüber sowieso nicht viel machen kann, und das Leben dort eher am späteren Nachmittag beginnt und dafür bis spätnachts andauert. Mit unserem Verständnis von einem Werktag können Araber jedenfalls nur wenig anfangen. So erntet man immer wieder erstaunte Blicke, wenn man den Gästen, die um 17 Uhr noch mit der Seilbahn auf den Berg fahren wollen, erklärt, selbige sei schon geschlossen. Wann diese dann morgen wieder aufsperre, möchten sie dann oft wissen. An ihren Gesichtern lässt sich erkennen, dass halb 9 keine Uhrzeit ist, die für ihre Tagesgestaltung irgendeine Relevanz besitzt.
Legt man ihnen hingegen den dreimal wöchentlich stattfindenden Seezauber ans Herz, der erst um 10 Uhr abends beginnt, erhellen sich ihre Gesichter wieder. Doch die Araber können kaum glauben, dass in einem Land, in dem es Menschen geben soll, die schon um halb acht frühstücken, in dem man nach vier Uhr nachmittags so gut wie nichts mehr zu sehen bekommt und in dem um sechs Uhr Buslinien aufhören zu fahren, dass in so einem Land es also eine Veranstaltung geben soll, die erst um 22 Uhr anfängt. "10pm?", fragen deshalb viele ungläubig. Genauso ungläubig wie manche deutschen Gäste, denen das naturgemäß zu spät ist: "Ach, erst um zehn? Ne, das schaffn'wa nich mehr!" Tja, unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Tagesrhythmen...
Die Schlafhungrigkeit unserer arabischen Gäste führt aber nicht nur dazu, dass viele von ihnen das Frühstück versäumen. Manch einer, der von österreichischer Marmelade und Liptauer so angetan ist, dass er sich doch vor halb 10 aus dem Bett quält, geht kurzerhand nach dem Frühstück wieder schlafen. Von einer erzieherischen Sorgfalt gepackt, ermahnt man den Gast, er solle doch zeitig aus dem Haus gehen, sonst würde er wieder zu spät zur Seilbahn kommen. "But I sleep so good!", heißt es dann entschuldigend, und da ist man dann als Vermieter ja auch wieder froh. Solange der Gast freiwillig um des Schlafes willen die Sehenswürdigkeiten auslässt, ergibt sich ja noch kein Problem. Erst, wenn er versucht, beides unter einen Hut zu bekommen, tauchen gewisse Schwierigkeiten auf.
So fragte mich ein Herr, dessen Frau tagelang alleine zum Frühstück erschienen war, weil der Göttergatte bis 14 Uhr zu schlafen pflegte, ob ich ihm ein Taxi organisieren könnte, er wolle nämlich gerne zur Eisriesenwelt nach Werfen fahren. Am Telefon sagte mir der Taxiunternehmer, dass eine solche Fahrt natürlich möglich sei, man allerdings mit sehr langen Wartezeiten rechnen müsse. Während der Hauptsaison könne es nämlich manchmal vier Stunden dauern, bis man überhaupt in die Eishöhle hinein käme. Es gelte also, die Fahrt rechtzeitig, nämlich so früh wie möglich anzutreten, weil besagte Eishöhle um fünf schließe.
Ich teilte dies dem Gast mit und betonte, mit Rücksicht auf seine speziellen Schlafgewohnheiten, besonders den Teil mit der frühen Abfahrt. "Aha", sagte dieser nur, und dass er dann wohl erst morgen diesen Ausflug werde machen können.
Am nächsten Tag wartete ich den ganzen Vormittag auf den Schläfer und war gespannt, ob er seinen Plan in die Tat umsetzen würde. Als seine Frau nach dem Frühstück wieder ins Zimmer verschwand und von ihrem Gatten auch bis Mittag nichts zu sehen war, ging ich davon aus, dass er seine Pläne wohl ad acta gelegt hatte. Umso überraschender war dann sein Auftritt um halb drei: Mit schläfrigen Augen hielt er mir das Prospekt von der Eisriesenwelt unter die Nase und sagte bloß "Call him! I want to go!". Ich unterließ sämtliche Erklärungen, sagte nur "okay" und griff zum Hörer. Der Taxiunternehmer erzählte mir wieder von den ungeheuerlichen Wartezeiten in Werfen, und dass er gerne bereit sei, einen Fahrer zu schicken, er aber dem Gast nicht garantieren könne, dass er auch tatsächlich in die Eishöhle hinein könne. Ich übersetzte das dem Gast in der Form, dass es heute unmöglich sei, nach Werfen zu fahren, weil dort derartige Menschenmassen auf den Einlass in die Eishöhle warteten, dass mit Wartezeiten von bis zu drei Stunden gerechnet werden müsse. Es sei für ihn deshalb in Anbetracht der momentanen Uhrzeit und eingerechneter Fahrzeit ein Ding der Unmöglichkeit, heute noch die Eisriesenwelt zu bestaunen.
Daraufhin blickte mich der Gast enttäusch an und fragte: "But when should I go?" Mit meiner Antwort, dass es umso besser sei, je früher man diesen Ausflug startete, war er sichtlich unzufrieden. Trotzdem versicherte er mir, sich für den morgigen Tag alle Mühe zu geben, zeitiger aufzustehen, denn er wolle unbedingt diese Eisriesenwelt besuchen.
So staunte ich nicht schlecht, als der Schläfer am nächsten Tag zwar nicht zum Frühstück erschien, aber doch um elf Uhr an der Rezeption stand und mich abermals bat, das Taxi zu rufen. Ich tat wie mir geheißen und freute mich ein bisschen für ihn, denn man sah ihm deutlich an, welch große Mühe ihm das frühe Aufstehen bereitet hatte. Als das Taxi dann vor der Türe stand und er mit seiner Frau das Haus über die Treppe hinab verließ, schien es, als müsste er sich bei ihr einhaken, so schwächlich war er aufgrund des Schlafentzugs auf den Beinen.
Das Fazit seines Ausflugs fiel dann nüchtern aus: "Very nice, but very crowded. We had to wait soo long!" Die Erleichterung aber, dass er es in die Eishöhle geschafft hatte, stand ihm doch ins Gesicht geschrieben. Da es der Tag vor seiner Abreise war, ließ er mich noch wissen: "Please, tomorrow you wake me! Call me at nine o'clock. And if I'm not down here at 9:15, knock on my door!" Sein ehrliches Bemühen rührte mich fast ein wenig und ich versprach ihm, ihn am nächsten Morgen zu wecken.
Zu meinem Erstaunen verlief die Abreise problemlos, denn tatsächlich fand sich der Schläfer um viertel nach neun an der Rezeption zum Check-Out ein. Er lobte unser Haus und die Region, sagte, es sei sein bisher schönster Urlaub gewesen, ganz besonders aber lobte er die Betten, die ihm so gute Dienste erwiesen hatten. Bei der Verabschiedung gaben wir ihm noch den Rat mit auf dem Weg, er möge doch beim nächsten Mal ein wenig früher aufstehen, dann könne er auch ein bisschen was unternehmen, schließlich habe er es während seines 6-tägigen Aufenthalts gerade einmal auf das Kitzsteinhorn geschafft und für die Eisriesenwelt ganze drei Anläufe benötigt.
Daraufhin lachte seine Frau ein Lachen, das man nur herzlich nennen kann, und schnatterte ihm etwas auf Arabisch zu, von dem wir nur zu gern gewusst hätten, was es bedeutete. Sein Gesichtsausdruck aber ließ uns in der Gewissheit zurück, dass sie uns wohl Recht gegeben hat.
Mittwoch, 27. August 2014
Freitag, 22. August 2014
Aber, aber, der Araber!
Aber, aber, der Araber!
Der Ahmed, was macht er, was zahlt er?
Was er bei uns tut und nicht
erzählt das folgende Gedicht:
Sommers flüchten die Araber
Hammad, Faez, Abdulaziz,
nach Zell am See ins Paradies,
die Brüder warn ja auch schon da!
Hier wird der liebe Araberer
nicht ganz zu unsrem Haberer.
Zu unterschiedlich ist er schlicht:
Denn unser Bier, das mag er nicht!
Lieber trinkt er Schlangentrank,
bittren Kaffee aus dem Morgenland,
mit Karadmom und Zimt versetzt,
was freilich unsre Kultur verletzt.
Aber, aber, der Araber,
trägt ein schwarzes Kleid er gar?
Hat er Bart und trägt Sandalen,
Ja, das ist wahrlich sonderbar!
"Owe!", schreit auch der Hotelier,
"der Gast missbraucht arg mein Bidet!
Wäscht sich Füß und Händ darin,
betet dann nach Mekka hin!
Er isst am Boden mit den Händen,
so ein Wüstling, ein verkehrter!
Die Kinder schmieren auf den Wänden,
und ohne Pfann' brät auf dem Herd er!
Das Zimmer sieht fürchterlich aus, oweh,
ich verlang ihm das Doppelte - juchee!
Mit ihm reden will ich nicht,
verständnislos blick ich in sein Gesicht."
Auch im Auto stellt der Araber
im Pinzgau im Sommer die größte Gefahr dar.
Im Rückwärtsgang und ohne Gurt
fährt er mit seinen Kindern furt!
Trägt sein Geld zum nächsten Bauer,
kauft ein Schaf und wir sind sauer.
Schächten darf er bei uns nicht,
pfui Teufel, so ein grober Wicht!
Der soll gefälligst Schweine fressen
wie jeder hier in Österreich!
Was gut genug für Sepp und Hias,
ist gut genug auch für den Scheich!
Oh Abdrakadabra, die Frau'n der Araber!
Was tragen sie unter dem schwarzen Schleier?
Ich weiß es: drei Kandelaber, schwarzes Haar,
fünfzehn Parfums und vier Kilo Eier!
Denn unter der Kuttn ist's gut munkeln,
ihr Gesicht liegt ganz im Dunkeln,
Fürchterlich, die schwarzen Augen!
Dass die sich bei uns sowas trauen?
Das kann nicht sein, dass ihr so seid,
schaut rein in unsren Benimm-Guide!
Ihr findet darin rein und pur
den Kern der abendländischen Kultur:
Anständig essen, aufrecht sitzen,
nicht das Essen im Zimmer erhitzen,
für den Müll auf der Straße müsst ihr büßen,
Freiherr von Knigge lässt herzlich grüßen!
Aber, aber, der Araber,
ist er nicht dein Haberer?
Willst ihm deine Hand nicht geben,
gönnst ihm nicht das schöne Leben?
Urlaub darf der keinen haben,
soll sich daheim im Sand eingraben,
soll mit seinem Geld sich schleichen,
denn wir haben Hofer-Reisen!
Aber, aber, am Araber,
lassen wir kein gutes Haar.
Nächsten Sommer, liebe Zeller,
sperren wir sie in die Keller!
Und nähert sich der Ramadan,
rama dann die Terrassen zam.
Der Ahmed, was macht er, was zahlt er?
Was er bei uns tut und nicht
erzählt das folgende Gedicht:
Sommers flüchten die Araber
Hammad, Faez, Abdulaziz,
nach Zell am See ins Paradies,
die Brüder warn ja auch schon da!
Hier wird der liebe Araberer
nicht ganz zu unsrem Haberer.
Zu unterschiedlich ist er schlicht:
Denn unser Bier, das mag er nicht!
Lieber trinkt er Schlangentrank,
bittren Kaffee aus dem Morgenland,
mit Karadmom und Zimt versetzt,
was freilich unsre Kultur verletzt.
Aber, aber, der Araber,
trägt ein schwarzes Kleid er gar?
Hat er Bart und trägt Sandalen,
Ja, das ist wahrlich sonderbar!
"Owe!", schreit auch der Hotelier,
"der Gast missbraucht arg mein Bidet!
Wäscht sich Füß und Händ darin,
betet dann nach Mekka hin!
Er isst am Boden mit den Händen,
so ein Wüstling, ein verkehrter!
Die Kinder schmieren auf den Wänden,
und ohne Pfann' brät auf dem Herd er!
Das Zimmer sieht fürchterlich aus, oweh,
ich verlang ihm das Doppelte - juchee!
Mit ihm reden will ich nicht,
verständnislos blick ich in sein Gesicht."
Auch im Auto stellt der Araber
im Pinzgau im Sommer die größte Gefahr dar.
Im Rückwärtsgang und ohne Gurt
fährt er mit seinen Kindern furt!
Trägt sein Geld zum nächsten Bauer,
kauft ein Schaf und wir sind sauer.
Schächten darf er bei uns nicht,
pfui Teufel, so ein grober Wicht!
Der soll gefälligst Schweine fressen
wie jeder hier in Österreich!
Was gut genug für Sepp und Hias,
ist gut genug auch für den Scheich!
Oh Abdrakadabra, die Frau'n der Araber!
Was tragen sie unter dem schwarzen Schleier?
Ich weiß es: drei Kandelaber, schwarzes Haar,
fünfzehn Parfums und vier Kilo Eier!
Denn unter der Kuttn ist's gut munkeln,
ihr Gesicht liegt ganz im Dunkeln,
Fürchterlich, die schwarzen Augen!
Dass die sich bei uns sowas trauen?
Das kann nicht sein, dass ihr so seid,
schaut rein in unsren Benimm-Guide!
Ihr findet darin rein und pur
den Kern der abendländischen Kultur:
Anständig essen, aufrecht sitzen,
nicht das Essen im Zimmer erhitzen,
für den Müll auf der Straße müsst ihr büßen,
Freiherr von Knigge lässt herzlich grüßen!
Aber, aber, der Araber,
ist er nicht dein Haberer?
Willst ihm deine Hand nicht geben,
gönnst ihm nicht das schöne Leben?
Urlaub darf der keinen haben,
soll sich daheim im Sand eingraben,
soll mit seinem Geld sich schleichen,
denn wir haben Hofer-Reisen!
Aber, aber, am Araber,
lassen wir kein gutes Haar.
Nächsten Sommer, liebe Zeller,
sperren wir sie in die Keller!
Und nähert sich der Ramadan,
rama dann die Terrassen zam.
Freitag, 8. August 2014
Die Weltreise nach Kaprun
Dass die Gäste aus den Golfstaaten gerne mit dem Auto unterwegs sind, kann man derzeit in und um Zell am See sehr gut beobachten. Das Auto ist dem Araber in Selamsi Nutzding und Status-Symbol zu gleichen Teilen. Die Autovermieter freut's, die vom Verkehr geplagten Zeller weniger. Nichtsdestotrotz: Selamsi-Saprun will erkundet werden, und wo der "Teleferik" nicht hinfährt, da kommt das Auto zum Einsatz - und umgekehrt. Denn der Fußmarsch ist dem arabischen Gast eine Denkunmöglichkeit und ihm von daher schon gar nicht vorschlagbar. Die erstauntesten Blicke auf Erden kann man ernten, wenn man einem Araber ans Herz legt, doch einmal das Auto stehen zu lassen, und die Umgebung per pedes zu erkunden!
Weil man nie genau weiß, wo man sich befindet und wo man eigentlich hin will, ist ist auch das GPS-Gerät entsprechend wichtig. Da Araber kein sehr entspanntes Verhältnis zu Post-Adressen haben, müssen also am besten die entsprechenden Koordinaten her. Der Tourismusverband hat diese mittlerweile ja für jede Sehenswürdigkeit in den Informationsbroschüren angeführt. Doch selbst die nackte Tatsächlichkeit der kalten Koordinaten vermag viele Gäste nicht zu überzeugen. So zum Beispiel einen jungen Herren aus Riad, der, nachdem er die Koordinaten für die Seilbahnstation in Kaprun in sein Navigationsgerät eingegeben hat, wieder ungläubig zur Rezeption kommt und mir das Ding unter die Nase hält. "This right?", fragt er verunsichert. Ich versichere ihm, dass der auf dem Bildschirm angezeigte Ort tatsächlich der heiß ersehnte "Teleferik" ist, der ihn ins ewige Eis bringen soll. "But where teleferik?" - so leicht lässt sich der Herr nicht abspeisen, denn er kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass in diesem engen Tal, das sein Navi ihm digital bestens aufbereitet anzeigt, irgendwo eine Seilbahn sein soll. Ich versichere ihm abermals, dass es die richtige Adresse ist, und er sich ruhig darauf verlassen kann, an dortiger Stelle einen "Teleferik" vorzufinden.
Aber ihn scheint auch die Fahrtzeit zu irritieren, denn obwohl das Navigationsgerät diese korrekt anzeigt, fragt er: "How long drive?" Ich blicke auf das Gerät, deute auf die Zahl und sage: "Sixteen Minutes!" Der Araber schaut auch auf das Display, blickt mich aber an, als hätte ich gerade einen offensichtlichen Blödsinn geredet. "Six-Teen? No sixty?" - "No, six-teen!", betone ich geduldig. Er ist stutzig; nicht nur, dass er mir nicht ganz zu trauen scheint, er traut auch seinem Navigationsgerät nicht. Vielleicht liegt es daran, dass auch dieser Gast eine schier unglaubliche Reisezeit von München nach Zell am See gehabt hat, denn er hatte bei seiner Ankunft behauptet, er wäre 10 Stunden unterwegs gewesen. (Bei seinen undeutlichen Ausführungen war bemerkenswerterweise auch das Wort "Switzerland" gefallen.)
"Sixteen, ha?", fragt er nochmal und blickt mich an, als würde er jeden Moment erwarten, dass das Team von Versteckte Kamera sich endlich zu erkennen gibt. "Yes", sage ich erneut und ich versuche es so versichernd wie nur möglich klingen zu lassen: Es ist ein beruhigendes, leicht gedehntes "Yes", dessen "s" galant nachzischt - aber nicht zu viel, denn jeder Kubikmilimeter Luft, der durch meine Zähne strömt, kann das Misstrauen meines Gastes schon wieder zum Auflodern bringen. Schnell schicke ich noch ein "It's not far!" hinterher, um alle Zweifel entgültig zu zerstreuen.
Er blickt noch einmal auf das Display, die 16 scheint vor seinen Augen einen beschwörenden Tanz aufzuführen. Kurz bevor ich das Gefühl habe, dass er nun glaubt, dass er nun endlich Gewissheit erfährt, mit sich, mir und dem Gerät im Reinen ist, sieht er mir in die Augen wie ein kleines Kind, welches das Ergebnis einer Rechenaufgabe mehr geraten als errechnet hat, und er sagt: "Minutes or hours?"
Weil man nie genau weiß, wo man sich befindet und wo man eigentlich hin will, ist ist auch das GPS-Gerät entsprechend wichtig. Da Araber kein sehr entspanntes Verhältnis zu Post-Adressen haben, müssen also am besten die entsprechenden Koordinaten her. Der Tourismusverband hat diese mittlerweile ja für jede Sehenswürdigkeit in den Informationsbroschüren angeführt. Doch selbst die nackte Tatsächlichkeit der kalten Koordinaten vermag viele Gäste nicht zu überzeugen. So zum Beispiel einen jungen Herren aus Riad, der, nachdem er die Koordinaten für die Seilbahnstation in Kaprun in sein Navigationsgerät eingegeben hat, wieder ungläubig zur Rezeption kommt und mir das Ding unter die Nase hält. "This right?", fragt er verunsichert. Ich versichere ihm, dass der auf dem Bildschirm angezeigte Ort tatsächlich der heiß ersehnte "Teleferik" ist, der ihn ins ewige Eis bringen soll. "But where teleferik?" - so leicht lässt sich der Herr nicht abspeisen, denn er kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass in diesem engen Tal, das sein Navi ihm digital bestens aufbereitet anzeigt, irgendwo eine Seilbahn sein soll. Ich versichere ihm abermals, dass es die richtige Adresse ist, und er sich ruhig darauf verlassen kann, an dortiger Stelle einen "Teleferik" vorzufinden.
Aber ihn scheint auch die Fahrtzeit zu irritieren, denn obwohl das Navigationsgerät diese korrekt anzeigt, fragt er: "How long drive?" Ich blicke auf das Gerät, deute auf die Zahl und sage: "Sixteen Minutes!" Der Araber schaut auch auf das Display, blickt mich aber an, als hätte ich gerade einen offensichtlichen Blödsinn geredet. "Six-Teen? No sixty?" - "No, six-teen!", betone ich geduldig. Er ist stutzig; nicht nur, dass er mir nicht ganz zu trauen scheint, er traut auch seinem Navigationsgerät nicht. Vielleicht liegt es daran, dass auch dieser Gast eine schier unglaubliche Reisezeit von München nach Zell am See gehabt hat, denn er hatte bei seiner Ankunft behauptet, er wäre 10 Stunden unterwegs gewesen. (Bei seinen undeutlichen Ausführungen war bemerkenswerterweise auch das Wort "Switzerland" gefallen.)
"Sixteen, ha?", fragt er nochmal und blickt mich an, als würde er jeden Moment erwarten, dass das Team von Versteckte Kamera sich endlich zu erkennen gibt. "Yes", sage ich erneut und ich versuche es so versichernd wie nur möglich klingen zu lassen: Es ist ein beruhigendes, leicht gedehntes "Yes", dessen "s" galant nachzischt - aber nicht zu viel, denn jeder Kubikmilimeter Luft, der durch meine Zähne strömt, kann das Misstrauen meines Gastes schon wieder zum Auflodern bringen. Schnell schicke ich noch ein "It's not far!" hinterher, um alle Zweifel entgültig zu zerstreuen.
Er blickt noch einmal auf das Display, die 16 scheint vor seinen Augen einen beschwörenden Tanz aufzuführen. Kurz bevor ich das Gefühl habe, dass er nun glaubt, dass er nun endlich Gewissheit erfährt, mit sich, mir und dem Gerät im Reinen ist, sieht er mir in die Augen wie ein kleines Kind, welches das Ergebnis einer Rechenaufgabe mehr geraten als errechnet hat, und er sagt: "Minutes or hours?"
Sonntag, 27. Juli 2014
Einmal Wien und zurück
Teil 2 der irrwitzigen Erfahrungen mit sonderbaren geographischen Vorstellungen
Ein Freund erzählte mir einmal von einer Zugfahrt von Salzburg nach Wien: Im Waggon befand sich eine arabische Familie, die sich angeregt unterhielt. Nun ist der Zug ohnehin schon ein für arabische Gäste ungewöhnliches Transportmittel. Ich kenne dieVorbehalte, die Araber den öffentlichen Verkehrsmitteln gegenüber haben. Oft erntete ich nach langen Erklärungen über Bushaltestellen und Abfahrtszeiten nur ungläubige Blicke ("Every half hour? Exactly!?") Ist aber der arabische Gast einmal erfolgreich mit dem Bus gefahren, hat er eine regelrechte Freude daran.
Die Familie im Zug von Salzburg nach Wien dürfte noch nicht allzu viel Erfahrung mit dem öffentlichen Verkehr gemacht haben. Jedenfalls hörte besagter Freund immer wieder die Zauberformel "Selamsi-Saprun! Selamsi-Saprun!", und erkannte als aufmerksamer Pinzgauer, dass hier nur Zell am See und Kaprun gemeint sein konnten. Nun wusste er allerdings nicht, ob die Familie von ihren Erlebnissen dort schwärmte, oder aber erst dorthin wollte...
Als die faden Landstriche entlang der Westbahnstrecke beim besten Willen keine Berge zeigen wollten, schien die Familie zunehmend unruhiger zu werden. Berge, Eis und Seen hatte man ihnen versprochen! Doch hier nur Felder, noch mehr Felder und graue Hügelflächen! Wieder hörte man sie angeregt diskutieren, und wieder fiel mehrmals die Formel "Selamsi-Saprun! Selamsi-Saprun!". Also beschloss der mitreisende Pinzgauer, die Gäste nach ihrer gewünschten Destination zu fragen. Tatsächlich antwortete der Vater der Familie: "Selamsi-Saprun!" Nun wusste der Einwohner der beschworenen Region um die Bredouille, in die sich die Familie unwissentlich selbst gebracht hat, und erklärte dem Familienoberhaupt die geographischen Gegebenheiten. Als der arabische Vater ihre missliche Lage vollkommen erfasst zu haben schien, fiel er freilich aus allen Wolken, waren sie doch stundenlang in die gänzlich falsche Richtung gefahren und jetzt schon kurz vor Wien!
Ob und wie die Familie dann noch nach Zell am See gelangte, weiß man nicht. Meistens aber gelangen sie immer hierher, auch wenn der Weg ein beschwerlicher ist. Schon öfter lauschte ich ungläubig den Erzählungen spät angekommener Gäste, die nicht auf direktem Weg nach Zell am See gekommen waren, sondern sich vielmehr in konzentrischen Kreisen ihrem Zielort genähert hatten. Das alte Motto "Ich weiß nicht, wo ich hin will, aber umso schneller bin ich dort" ist in solchen Fällen nur halb richtig. Aber wenn jemand (wie es auch schon geschehen ist) von München nach Zell am See acht Stunden braucht und behauptet, es wäre kein Stau gewesen, dann hat er bestimmt nicht nur eine Sache falsch gemacht...
Ein Freund erzählte mir einmal von einer Zugfahrt von Salzburg nach Wien: Im Waggon befand sich eine arabische Familie, die sich angeregt unterhielt. Nun ist der Zug ohnehin schon ein für arabische Gäste ungewöhnliches Transportmittel. Ich kenne dieVorbehalte, die Araber den öffentlichen Verkehrsmitteln gegenüber haben. Oft erntete ich nach langen Erklärungen über Bushaltestellen und Abfahrtszeiten nur ungläubige Blicke ("Every half hour? Exactly!?") Ist aber der arabische Gast einmal erfolgreich mit dem Bus gefahren, hat er eine regelrechte Freude daran.
Die Familie im Zug von Salzburg nach Wien dürfte noch nicht allzu viel Erfahrung mit dem öffentlichen Verkehr gemacht haben. Jedenfalls hörte besagter Freund immer wieder die Zauberformel "Selamsi-Saprun! Selamsi-Saprun!", und erkannte als aufmerksamer Pinzgauer, dass hier nur Zell am See und Kaprun gemeint sein konnten. Nun wusste er allerdings nicht, ob die Familie von ihren Erlebnissen dort schwärmte, oder aber erst dorthin wollte...
Als die faden Landstriche entlang der Westbahnstrecke beim besten Willen keine Berge zeigen wollten, schien die Familie zunehmend unruhiger zu werden. Berge, Eis und Seen hatte man ihnen versprochen! Doch hier nur Felder, noch mehr Felder und graue Hügelflächen! Wieder hörte man sie angeregt diskutieren, und wieder fiel mehrmals die Formel "Selamsi-Saprun! Selamsi-Saprun!". Also beschloss der mitreisende Pinzgauer, die Gäste nach ihrer gewünschten Destination zu fragen. Tatsächlich antwortete der Vater der Familie: "Selamsi-Saprun!" Nun wusste der Einwohner der beschworenen Region um die Bredouille, in die sich die Familie unwissentlich selbst gebracht hat, und erklärte dem Familienoberhaupt die geographischen Gegebenheiten. Als der arabische Vater ihre missliche Lage vollkommen erfasst zu haben schien, fiel er freilich aus allen Wolken, waren sie doch stundenlang in die gänzlich falsche Richtung gefahren und jetzt schon kurz vor Wien!
Ob und wie die Familie dann noch nach Zell am See gelangte, weiß man nicht. Meistens aber gelangen sie immer hierher, auch wenn der Weg ein beschwerlicher ist. Schon öfter lauschte ich ungläubig den Erzählungen spät angekommener Gäste, die nicht auf direktem Weg nach Zell am See gekommen waren, sondern sich vielmehr in konzentrischen Kreisen ihrem Zielort genähert hatten. Das alte Motto "Ich weiß nicht, wo ich hin will, aber umso schneller bin ich dort" ist in solchen Fällen nur halb richtig. Aber wenn jemand (wie es auch schon geschehen ist) von München nach Zell am See acht Stunden braucht und behauptet, es wäre kein Stau gewesen, dann hat er bestimmt nicht nur eine Sache falsch gemacht...
Dienstag, 8. Juli 2014
Der Stern von Europa
Was die Einschätzung von Autodistanzen betrifft, liegen die arabischen Gäste nicht immer ganz richtig.
Die Arabische Halbinsel ist die größte der Welt: Sie misst 2,7 Millionen Quadratkilometer und es leben dort ca. 60 Millionen Menschen. Die Zahl der auf ihr liegenden Staaten ist allerdings überschaubar. Der größte von ihnen ist das Königreich Saudi Arabien. Fährt man dort mit dem Auto von Küste zu Küste, zum Beispiel vom westlichen Jeddah nach Dammam im Osten, ist man ca. 12 Stunden unterwegs. Das entspricht in etwa der Strecke von Salzburg nach Kopenhagen. Das lässt sich alles in wenigen Minuten mit Google Maps herausfinden. Jetzt hat man das, was man gemeinhin "eine Ahnung" oder eine "ungefähre Vorstellung" von den Auto-Distanzen in Saudi Arabien nennt.
In der Vorstellung der Araber ist aber Europa und vor allem Österreich viel, viel kleiner - oder viel, viel größer; je nachdem, wen man nach seinen Vorstellungen befragt. So erklärten mir einmal drei junge Männer aus Kuwait, sie wollten ein bisschen Europa mit dem Auto bereisen. Wo sie denn nach ihrem Aufenthalt in Zell am See hin wollten, habe ich sie gefragt. Ihre Antwort ließ mich die Augenbrauen hochziehen, denn ihre geplante Route hatte die folgenden Destinationen in genau dieser Reihenfolge:
Ich fand es löblich, dass sich die jungen Herren auch für die sonst von arabischen Gästen weniger bereisten Städte Budapest und Prag interessierten. Trotzdem setzte ich mich an den Computer und machte mir die Mühe, per Google Maps ihnen ihre geplante Strecke in Fahrtstunden niederzuschreiben. Nun waren sie es, die die Augenbrauen hochzogen. "But is so small!", sagte einer von ihnen und meinte damit wohl Österreich. Als ich ihnen dann sagte, dass man in Österreich von einem Ende zum anderen gute sieben Stunden unterwegs sei, staunten sie und meinten, das entspreche etwa der Strecke von Kuwait nach Riyadh - für ihre Begriffe eine Weltreise! Wir verbrachten noch ein paar Minuten mit Google Maps und die drei einigten sich dann auf eine andere Route, die sich weniger sternförmig als die ursprüngliche Variante ausnahm.
Wo sie schlussendlich noch überall hinkamen, wage ich nur zu vermuten. Ich denke aber, dass die eine oder andere Stadt von ihrer Wunschliste gestrichen werden musste.
Die Arabische Halbinsel ist die größte der Welt: Sie misst 2,7 Millionen Quadratkilometer und es leben dort ca. 60 Millionen Menschen. Die Zahl der auf ihr liegenden Staaten ist allerdings überschaubar. Der größte von ihnen ist das Königreich Saudi Arabien. Fährt man dort mit dem Auto von Küste zu Küste, zum Beispiel vom westlichen Jeddah nach Dammam im Osten, ist man ca. 12 Stunden unterwegs. Das entspricht in etwa der Strecke von Salzburg nach Kopenhagen. Das lässt sich alles in wenigen Minuten mit Google Maps herausfinden. Jetzt hat man das, was man gemeinhin "eine Ahnung" oder eine "ungefähre Vorstellung" von den Auto-Distanzen in Saudi Arabien nennt.
In der Vorstellung der Araber ist aber Europa und vor allem Österreich viel, viel kleiner - oder viel, viel größer; je nachdem, wen man nach seinen Vorstellungen befragt. So erklärten mir einmal drei junge Männer aus Kuwait, sie wollten ein bisschen Europa mit dem Auto bereisen. Wo sie denn nach ihrem Aufenthalt in Zell am See hin wollten, habe ich sie gefragt. Ihre Antwort ließ mich die Augenbrauen hochziehen, denn ihre geplante Route hatte die folgenden Destinationen in genau dieser Reihenfolge:
- München
- Innsbruck
- Wien
- Prag
- Budapest
- Genf.
Ich fand es löblich, dass sich die jungen Herren auch für die sonst von arabischen Gästen weniger bereisten Städte Budapest und Prag interessierten. Trotzdem setzte ich mich an den Computer und machte mir die Mühe, per Google Maps ihnen ihre geplante Strecke in Fahrtstunden niederzuschreiben. Nun waren sie es, die die Augenbrauen hochzogen. "But is so small!", sagte einer von ihnen und meinte damit wohl Österreich. Als ich ihnen dann sagte, dass man in Österreich von einem Ende zum anderen gute sieben Stunden unterwegs sei, staunten sie und meinten, das entspreche etwa der Strecke von Kuwait nach Riyadh - für ihre Begriffe eine Weltreise! Wir verbrachten noch ein paar Minuten mit Google Maps und die drei einigten sich dann auf eine andere Route, die sich weniger sternförmig als die ursprüngliche Variante ausnahm.
Wo sie schlussendlich noch überall hinkamen, wage ich nur zu vermuten. Ich denke aber, dass die eine oder andere Stadt von ihrer Wunschliste gestrichen werden musste.
Montag, 9. Juni 2014
Völkerverständigung auf Pinzgauerisch
Araber, so die gängige Vorstellung, trinken keinen Alkohol. Dabei gibt es immer wieder welche, die sich in die heimischen Bars verirren. Manche trinken heimlich in einer Ecke ihr verbotenes Bier. Andere wiederum erfreuen sich ganz offen heiterer Geselligkeit. Ein solcher war Ibrahim, und folgendes ist passiert, als er auf einen lokalen Kampftrinker stieß:
Ibrahim hat große Hände, und er kann damit Musik machen. Dauernd klatscht, trommelt und schnippt er. Uns Eingeborenen versucht er, eine uns vollkommen unbekannte Art des Fingerschnippens beizubringen und lacht sich dabei halb tot, während wir wie die ersten Affen dastehen und mit kompliziertesten Verrenkungen unserer Handknochen genau gar keinen Ton erzeugen. Ibrahim schnippt vergnügt und macht das so laut, dass es fast in den Ohren weh tut, während uns bereits die Sehnen heiß werden und immer noch kein Ton zu vernehmen ist.
Schließlich hat er Nachsehen mit uns und zeigt uns etwas anderes: Er macht ein galoppierendes Pferd nach. Auch das geht in Kuwait anders als in Österreich, wo man sich mit Händeklatschen und Oberschenkelpatschen zufrieden gibt. Ibrahim benützt den Hohlraum zwischen seinen gefalteten, großen Händen, seine Stirn, seine Brust und schließlich erst den Oberschenkel. Wie die Töne entstehen, die das Geräusch eines galoppierenden Gauls viel überzeugender nachahmen als unser Klatsch-Patsch, bleibt uns verborgen. Niemand der Anwesenden versucht sich an dem 'kuwaitischen Gaul'; alle blicken nur bewundernd den fremden Mann an, der mit uns mindestens genauso viel Freude zu haben scheint, wie wir mit ihm haben. Daheim wird er wohl erzählen, wie er die Barkultur in Österreich befruchtet hat und die dort Ansässigen mit billigen Tricks zum Staunen brachte.
Der große Bernd, ein 2 Meter 10 hoher Hüne mit langem, fettigem Haar und Indiandergesicht, meint, er müsse Ibrahims Darbietungen etwas entgegensetzen und macht den 'abgeschnittenen Daumen', jenen Volksschultrick also, der dem Zuseher vorgaukeln soll, dass man die Spitze seines Daumens beliebig verschieben könne, während es sich in Wahrheit um den Daumen der zweiten Hand handelt. Ibrahim kichert belustigt und macht ein Gesicht, als ob er den großen Bernd fragen wollte, ob er ihn verarschen wolle. „This is trick that make little kid!“, sagt Ibrahim und deutet die ungefähre Körpergröße an, die solche Kinder haben, welche derartige Kunststücke aufführen.
Der große Bernd zeigt noch einen Trick – diesmal mit dem Feuerzeug: Er hält es mit ausgestrecktem Arm vor seinen Körper, lässt eine Flamme erscheinen und führt dann das Feuerzeug langsam über seinen Kopf. Dann bläst der große Bernd einmal kurz, und wie von Zauberhand erlischt die Flamme über seinem Haupt! Ein bezeichnendes und passendes Bild, Ibrahim aber fühlt sich schön langsam nicht mehr ganz ernst genommen vom großen Bernd. Es ist auch eine traurige Angelegenheit: Da packt der Kuwaiti einen guten Schmäh nach dem anderen aus, und der Zeller kann nur mit Gags aufwarten, die ein kritisches Kleinkindpublikum bei jedem Kindergeburtstag mit erbostem Schwedenbomben-Werfen quittieren würde.
Ibrahim aber ist barmherzig und führt weiter Kunststücke vor, erzählt Witze und macht mit seinem Körper Musik. Irgendwer muss ihm jetzt Einhalt gebieten, sonst hält er uns für einen unkreativen Haufen leicht zu beeindruckender Wilder (was wir vermutlich auch sind)!
Also fasst sich der große Bernd erneut ein Herz und greift tief in die Trickkiste: „Look!“, sagt er und hält Ibrahim Zeige- und Mittelfinger vor das Gesicht. „Hoffentlich kommt jetzt nicht wieder so etwas wie der abgesägte Finger!“, denke ich mir. Ibrahim schaut mehr freundlich als gespannt auf die beiden dicken Bernd-Finger. Auch er erwartet jetzt nichts Besonderes, seine Höflichkeit aber gebietet ihm, dem Bernd seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Da taucht der Bernd die Finger in sein Bier, drückt sie von innen gegen das Glas und hebt so das Bier in die Höhe. Ibrahim lacht und klatscht – damit hat er zumindest nicht gerechnet! Mit einem Ruck lässt der große Bernd jetzt das Bierglas nach oben sausen, zieht die beiden Finger raus, fängt das Glas mit der selben Hand wieder auf und leert es in einem Zug. Ibrahim tobt, alle klatschen, der große Bernd streckt die Faust gen Himmel wie ein Boxer nach einem KO-Sieg. Sein Indianergesicht ziert ein breites Grinsen, halb von Freude, halb vom abendlichen Alkoholkonsum gezeichnet. „Give him another beer!“ ruft Ibrahim aufgeregt und legt auch gleich lachend das Geld hin. Jetzt hat ihn der große Bernd überzeugt!
Die Freude währt jedoch nicht lange, denn nachdem Ibrahim wieder ein paar Tricks vorgeführt hat, nimmt der große Bernd einen weiteren ersten und letzten Schluck von seinem Bier und wankt sodann rückwärts zur Türe hinaus. „I give up“, lässt er Ibrahim wissen und fällt beinahe in die Staude vor dem Lokal. Besorgt sieht Ibrahim ihm nach, dreht sich zu mir und sagt: „Is big man, hurt much when fall! - But good trick with beer! I will practice!“ Dann schnippt er wieder vergnügt und trommelt auf der Bar 1001 mir gänzlich fremde Rhythmen. Ein Abend der Völkerverständigung, des Kulturaustauschs und der Ehrenrettung durch einen Pinzgauer Kampftrinker geht zu Ende...
Ibrahim hat große Hände, und er kann damit Musik machen. Dauernd klatscht, trommelt und schnippt er. Uns Eingeborenen versucht er, eine uns vollkommen unbekannte Art des Fingerschnippens beizubringen und lacht sich dabei halb tot, während wir wie die ersten Affen dastehen und mit kompliziertesten Verrenkungen unserer Handknochen genau gar keinen Ton erzeugen. Ibrahim schnippt vergnügt und macht das so laut, dass es fast in den Ohren weh tut, während uns bereits die Sehnen heiß werden und immer noch kein Ton zu vernehmen ist.
Schließlich hat er Nachsehen mit uns und zeigt uns etwas anderes: Er macht ein galoppierendes Pferd nach. Auch das geht in Kuwait anders als in Österreich, wo man sich mit Händeklatschen und Oberschenkelpatschen zufrieden gibt. Ibrahim benützt den Hohlraum zwischen seinen gefalteten, großen Händen, seine Stirn, seine Brust und schließlich erst den Oberschenkel. Wie die Töne entstehen, die das Geräusch eines galoppierenden Gauls viel überzeugender nachahmen als unser Klatsch-Patsch, bleibt uns verborgen. Niemand der Anwesenden versucht sich an dem 'kuwaitischen Gaul'; alle blicken nur bewundernd den fremden Mann an, der mit uns mindestens genauso viel Freude zu haben scheint, wie wir mit ihm haben. Daheim wird er wohl erzählen, wie er die Barkultur in Österreich befruchtet hat und die dort Ansässigen mit billigen Tricks zum Staunen brachte.
Der große Bernd, ein 2 Meter 10 hoher Hüne mit langem, fettigem Haar und Indiandergesicht, meint, er müsse Ibrahims Darbietungen etwas entgegensetzen und macht den 'abgeschnittenen Daumen', jenen Volksschultrick also, der dem Zuseher vorgaukeln soll, dass man die Spitze seines Daumens beliebig verschieben könne, während es sich in Wahrheit um den Daumen der zweiten Hand handelt. Ibrahim kichert belustigt und macht ein Gesicht, als ob er den großen Bernd fragen wollte, ob er ihn verarschen wolle. „This is trick that make little kid!“, sagt Ibrahim und deutet die ungefähre Körpergröße an, die solche Kinder haben, welche derartige Kunststücke aufführen.
Der große Bernd zeigt noch einen Trick – diesmal mit dem Feuerzeug: Er hält es mit ausgestrecktem Arm vor seinen Körper, lässt eine Flamme erscheinen und führt dann das Feuerzeug langsam über seinen Kopf. Dann bläst der große Bernd einmal kurz, und wie von Zauberhand erlischt die Flamme über seinem Haupt! Ein bezeichnendes und passendes Bild, Ibrahim aber fühlt sich schön langsam nicht mehr ganz ernst genommen vom großen Bernd. Es ist auch eine traurige Angelegenheit: Da packt der Kuwaiti einen guten Schmäh nach dem anderen aus, und der Zeller kann nur mit Gags aufwarten, die ein kritisches Kleinkindpublikum bei jedem Kindergeburtstag mit erbostem Schwedenbomben-Werfen quittieren würde.
Ibrahim aber ist barmherzig und führt weiter Kunststücke vor, erzählt Witze und macht mit seinem Körper Musik. Irgendwer muss ihm jetzt Einhalt gebieten, sonst hält er uns für einen unkreativen Haufen leicht zu beeindruckender Wilder (was wir vermutlich auch sind)!
Also fasst sich der große Bernd erneut ein Herz und greift tief in die Trickkiste: „Look!“, sagt er und hält Ibrahim Zeige- und Mittelfinger vor das Gesicht. „Hoffentlich kommt jetzt nicht wieder so etwas wie der abgesägte Finger!“, denke ich mir. Ibrahim schaut mehr freundlich als gespannt auf die beiden dicken Bernd-Finger. Auch er erwartet jetzt nichts Besonderes, seine Höflichkeit aber gebietet ihm, dem Bernd seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Da taucht der Bernd die Finger in sein Bier, drückt sie von innen gegen das Glas und hebt so das Bier in die Höhe. Ibrahim lacht und klatscht – damit hat er zumindest nicht gerechnet! Mit einem Ruck lässt der große Bernd jetzt das Bierglas nach oben sausen, zieht die beiden Finger raus, fängt das Glas mit der selben Hand wieder auf und leert es in einem Zug. Ibrahim tobt, alle klatschen, der große Bernd streckt die Faust gen Himmel wie ein Boxer nach einem KO-Sieg. Sein Indianergesicht ziert ein breites Grinsen, halb von Freude, halb vom abendlichen Alkoholkonsum gezeichnet. „Give him another beer!“ ruft Ibrahim aufgeregt und legt auch gleich lachend das Geld hin. Jetzt hat ihn der große Bernd überzeugt!
Die Freude währt jedoch nicht lange, denn nachdem Ibrahim wieder ein paar Tricks vorgeführt hat, nimmt der große Bernd einen weiteren ersten und letzten Schluck von seinem Bier und wankt sodann rückwärts zur Türe hinaus. „I give up“, lässt er Ibrahim wissen und fällt beinahe in die Staude vor dem Lokal. Besorgt sieht Ibrahim ihm nach, dreht sich zu mir und sagt: „Is big man, hurt much when fall! - But good trick with beer! I will practice!“ Dann schnippt er wieder vergnügt und trommelt auf der Bar 1001 mir gänzlich fremde Rhythmen. Ein Abend der Völkerverständigung, des Kulturaustauschs und der Ehrenrettung durch einen Pinzgauer Kampftrinker geht zu Ende...
Donnerstag, 5. Juni 2014
Wer hat Angst vorm schwarzen Schleier?
Es ist ein bisschen wie im Kindergarten. Einer schreit "Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?", die Meute antwortet: "Niemand!" Auf die folgende Frage "Wenn er aber kommt?" wird "Dann laufen wir davon!" gesagt. Die Ironie an dem Spiel liegt bemerkenswerterweise darin, dass die Flüchtenden gar nicht davon laufen, sondern dem "Schwarzen Mann" geradewegs in die Arme. Wer gefangen wird, wird zudem selbst zum Schwarzen Mann, so lange, bis es nur noch Schwarze Männer gibt. Doch das Spiel, das mittlerweile zu Recht nicht mehr so heißt, zeigt in seiner Dramaturgie eine menschliche Grundbefindlichkeit auf: Dass wir uns zu etwas hingezogen fühlen, das wir eigentlich fürchten. Wir wollen flüchten, aber vorher wollen wir es gesehen haben, uns vergewissert haben, dass es da ist, also wahrhaftig existiert. Erst dann können wir davon rennen und am liebsten ist es uns, wenn wir fast erwischt worden wären; wenn wir in letzter Sekunde entkommen sind.
Was hat das nun mit unseren arabischen Gästen zu tun? Es hat mit der leider mehrfach getätigten und vielfach zitierten Äußerung zu tun, man könne in Zell nicht mehr an das Seeufer gehen, weil es dort vor "schwarzen Schleiern" nur so wimmle. Dann ist meistens auch schon Schluss mit der Auseinandersetzung. Anscheinend ist allein die Feststellung Begründung genug. Fragt man weiter, was denn nun der Grund dafür wäre, dass das Seeufer unbegehbar sei, kommen nur diffuse Erklärungen, dass "alles schwarz" sei und überhaupt gehe es zu wie auf dem Basar. Jemand hat also Angst vorm Schwarzen Mann bzw. vor dem schwarzen Schleier der arabischen Frauen. Vielleicht ist mit der Angst zu viel benannt, vielleicht ist es nur eine undeutliche Störung des persönlichen Wohlbefindens, die einen befällt, wenn man abends am See spazieren geht.
Doch was steckt dahinter, hinter diesem Unwohlsein, das anscheinend so viele verspüren? (So viele sind es in Wahrheit gar nicht, aber es reicht, wenn diese wenigen ein paar Sekunden Fernsehzeit bekommen, um ihrem Unwohlsein Ausdruck zu verleihen).
Um es gleich zu sagen: Ich kann das Gefühl nachvollziehen. Ja, ich habe es auch schon selbst verspürt. Aber wer es beim Spüren dieser diffusen Angst bewenden lässt und der Ursache des Gefühls nicht nachspürt, der vertut eine Chance, sich seiner Angst zu stellen und sie zu überwinden. Wie beim Spiel im Kindergarten, wenn man auf der einen Seite der Turnhalle stehen bleibt, weil man glaubt, man könne der Spieldynamik durch Passivität entgehen. Nur, dass man beim Spiel dann selbst zum "schwarzen Mann" wird; in der Realität aber steht man einfach so im Abseits und muss den anderen dabei zusehen, wie sie sich an ihrem Dasein erfreuen.
Mehrere Faktoren sind es, die uns beunruhigen, wenn wir allein durch arabische Menschengruppen am Seeufer spazieren. Ich versuche diese einmal ganz allgemein zu benennen:
1.) Das Schwarze: Die meisten Frauen, vor allem aus dem konservativen Saudi-Arabien, tragen einen schwarzen Niqab. Für uns Europäer ist die Farbe Schwarz symbolisch ein Zeichen von Trauer. Wir verbinden damit auch Bedrohliches, schließlich ist Schwarz die Farbe der Nacht und des Schattens - ganz allgemein: der Abwesenheit des Lichtes (lies: des Deutlichen, Aufgeklärten). Insofern gibt es in unserem Kulturkreis so gut wie keine positive Konnotation der Farbe Schwarz. Ein paar weniger Ausnahmen bietet unsere Mode (das Kleine Schwarze, ein schwarzer Frack): Im besten Fall können wir dem Schwarzen noch etwas Geheimnisvolles oder Edles abgewinnen. Zwar wissen wir, dass es sich in anderen Kulturen mitunter anders verhält, aber von Kindesbeinen an Erlerntes lässt sich schwer wegdenken.
2.) Das Verhüllte: Der Niqab dient der Verhüllung, und Verhüllung ist uns suspekt. Wir möchten am liebsten alles offengelegt haben, alles soll sichtbar und einsehbar sein. Grenzen kennen wir nur, wenn es um unsere Scham und unsere Bankkonten geht, kurzum: um das Private. Wer verhüllt, hat etwas zu verbergen, also prinzipiell schon einmal Dreck am Stecken. Das gilt für den Nachbar, der eine Sichtschutzwand aufstellt oder eine Hecke einpflanzt, und vor allem für den Politiker, der nicht zu allen Fragen Stellung nimmt. Dass wir noch ein fernes Verhältnis zum Reiz der Verhüllung unterhalten, merken wir höchstens daran, dass wir spärlich bekleidete Menschen jenen vorziehen, die sich ganz nackt zur Schau stellen. Der voyeuristische Trieb, der uns allen innewohnt, lebt schließlich von der Zurückhaltung; davon, dass uns etwas vorenthalten wird. Wird uns zu viel vorenthalten, entlädt sich der unbefriedigte Trieb in Frustration - oder ablehnende Aggression. (Wem das zu freudianisch ist, der halte sich an den ersten Teil des Absatzes. Wem das zu wenig freudianisch ist, den kann ich nur beruhigen, indem ich versichere, von Freud nur wenig Ahnung zu haben)
3.) Die Uniformierung: Einheitliche Kleidung symbolisiert Zusammenhalt. Zusätzlich verstärkt wird dieser Effekt durch Einfarbigkeit. Arabische Frauen nehmen wir als einfarbig Uniformierte war. Plötzlich stehen wir inmitten einer saudischen Frauenarmee - Hilfe! Ähnliches kann man erfahren, wenn man durch Wien spaziert, um eine falsche Ecke biegt und plötzlich inmitten violetter oder grüner Austria- bzw. Rapidanhänger steht. Das ist ebenso unangenehm, liegt aber (meistens) weniger an den Menschen selbst, als an dem unmittelbaren Gefühl, da nicht dazuzugehören. Viele gleich aussehende Menschen gleichen einem größeren Etwas. Man kennt das aus dem Tierreich, wo sich zum Beispiel ein Schwarm kleiner Fische die Gestalt eines großen Fisches gibt, um abschreckend zu wirken. Aber dafür, dass wir die Rapid-Fans oder die arabischen Frauen als bedrohlich empfinden, können die selber nichts. Erstere legen es vielleicht sogar darauf an, letzteren aber kann man solche Absichten wohl nicht unterstellen.
Blöd nur, dass wir medial darauf trainiert wurden, in der arabischen Kleidung etwas Bedrohliches zu sehen. Die Nachwirkungen des 11. September samt amerikanischer medialer Hyperventilierung lassen grüßen! Es wäre an der Zeit, nicht mehr unter jedem Schleier Sprengstoffgürtel zu vermuten...
Zu diesen drei Elementen gesellt sich zusätzlich noch jenes des Fremden, das gleichzeitig über allem steht: Wir hören eine fremde Sprache, wir blicken in fremde Gesichter, wir nehmen fremde Gerüche war. Das Fremde war immer schon anziehend und abstoßend zugleich. Man schützt sich davor, indem man sich in seine eigene Gruppe zurückzieht, oder man sucht danach, indem man ferne Länder bereist. Wenn uns das Fremde irritiert, und uns durch Mechanismen Angst macht, die wir ganz leicht durch ein bisschen rationales Denken als harmlos erkennen können, dann sind wir selbst schuld. Wenn wir uns Angst machen lassen vor etwas, von dem wir wissen, dass es in Wahrheit unbedenklich ist, dann erliegen wir einem kindlichen Gefühl - der Angst vor dem Krampus oder eben dem "Schwarzen Mann". Kindliche Gefühle können verlockend sein, weil sie uns an eine Zeit erinnern, in der noch andere für uns gedacht haben und andere für uns verantwortlich waren. Vielleicht hatten wir einen heimlichen Spaß an der Angst vor eingebildeten Gefahren, weil wir wussten, dass es einen Papa und eine Mama gibt, die alle Gefahren bannen können und uns nie im Leben etwas zustoßen wird, solange unsere Eltern auf uns aufpassen.
Doch als erwachsene Menschen haben wir unsere Vernunft und unsere Lebenserfahrung. Wir haben selbstständiges Denken und leben in einem friedlichen Europa, in dem wir gelernt haben, anderen Menschen und Kulturen respektvoll und neugierig zu begegnen. Vielleicht erinnern wir uns selber ab und zu daran; und vielleicht laufen wir dann dem Schwarzen Mann in die offenen Arme. "Wenn er aber kommt?" - "Dann lachen wir ihm zu!"
Was hat das nun mit unseren arabischen Gästen zu tun? Es hat mit der leider mehrfach getätigten und vielfach zitierten Äußerung zu tun, man könne in Zell nicht mehr an das Seeufer gehen, weil es dort vor "schwarzen Schleiern" nur so wimmle. Dann ist meistens auch schon Schluss mit der Auseinandersetzung. Anscheinend ist allein die Feststellung Begründung genug. Fragt man weiter, was denn nun der Grund dafür wäre, dass das Seeufer unbegehbar sei, kommen nur diffuse Erklärungen, dass "alles schwarz" sei und überhaupt gehe es zu wie auf dem Basar. Jemand hat also Angst vorm Schwarzen Mann bzw. vor dem schwarzen Schleier der arabischen Frauen. Vielleicht ist mit der Angst zu viel benannt, vielleicht ist es nur eine undeutliche Störung des persönlichen Wohlbefindens, die einen befällt, wenn man abends am See spazieren geht.
Doch was steckt dahinter, hinter diesem Unwohlsein, das anscheinend so viele verspüren? (So viele sind es in Wahrheit gar nicht, aber es reicht, wenn diese wenigen ein paar Sekunden Fernsehzeit bekommen, um ihrem Unwohlsein Ausdruck zu verleihen).
Um es gleich zu sagen: Ich kann das Gefühl nachvollziehen. Ja, ich habe es auch schon selbst verspürt. Aber wer es beim Spüren dieser diffusen Angst bewenden lässt und der Ursache des Gefühls nicht nachspürt, der vertut eine Chance, sich seiner Angst zu stellen und sie zu überwinden. Wie beim Spiel im Kindergarten, wenn man auf der einen Seite der Turnhalle stehen bleibt, weil man glaubt, man könne der Spieldynamik durch Passivität entgehen. Nur, dass man beim Spiel dann selbst zum "schwarzen Mann" wird; in der Realität aber steht man einfach so im Abseits und muss den anderen dabei zusehen, wie sie sich an ihrem Dasein erfreuen.
Mehrere Faktoren sind es, die uns beunruhigen, wenn wir allein durch arabische Menschengruppen am Seeufer spazieren. Ich versuche diese einmal ganz allgemein zu benennen:
1.) Das Schwarze: Die meisten Frauen, vor allem aus dem konservativen Saudi-Arabien, tragen einen schwarzen Niqab. Für uns Europäer ist die Farbe Schwarz symbolisch ein Zeichen von Trauer. Wir verbinden damit auch Bedrohliches, schließlich ist Schwarz die Farbe der Nacht und des Schattens - ganz allgemein: der Abwesenheit des Lichtes (lies: des Deutlichen, Aufgeklärten). Insofern gibt es in unserem Kulturkreis so gut wie keine positive Konnotation der Farbe Schwarz. Ein paar weniger Ausnahmen bietet unsere Mode (das Kleine Schwarze, ein schwarzer Frack): Im besten Fall können wir dem Schwarzen noch etwas Geheimnisvolles oder Edles abgewinnen. Zwar wissen wir, dass es sich in anderen Kulturen mitunter anders verhält, aber von Kindesbeinen an Erlerntes lässt sich schwer wegdenken.
2.) Das Verhüllte: Der Niqab dient der Verhüllung, und Verhüllung ist uns suspekt. Wir möchten am liebsten alles offengelegt haben, alles soll sichtbar und einsehbar sein. Grenzen kennen wir nur, wenn es um unsere Scham und unsere Bankkonten geht, kurzum: um das Private. Wer verhüllt, hat etwas zu verbergen, also prinzipiell schon einmal Dreck am Stecken. Das gilt für den Nachbar, der eine Sichtschutzwand aufstellt oder eine Hecke einpflanzt, und vor allem für den Politiker, der nicht zu allen Fragen Stellung nimmt. Dass wir noch ein fernes Verhältnis zum Reiz der Verhüllung unterhalten, merken wir höchstens daran, dass wir spärlich bekleidete Menschen jenen vorziehen, die sich ganz nackt zur Schau stellen. Der voyeuristische Trieb, der uns allen innewohnt, lebt schließlich von der Zurückhaltung; davon, dass uns etwas vorenthalten wird. Wird uns zu viel vorenthalten, entlädt sich der unbefriedigte Trieb in Frustration - oder ablehnende Aggression. (Wem das zu freudianisch ist, der halte sich an den ersten Teil des Absatzes. Wem das zu wenig freudianisch ist, den kann ich nur beruhigen, indem ich versichere, von Freud nur wenig Ahnung zu haben)
3.) Die Uniformierung: Einheitliche Kleidung symbolisiert Zusammenhalt. Zusätzlich verstärkt wird dieser Effekt durch Einfarbigkeit. Arabische Frauen nehmen wir als einfarbig Uniformierte war. Plötzlich stehen wir inmitten einer saudischen Frauenarmee - Hilfe! Ähnliches kann man erfahren, wenn man durch Wien spaziert, um eine falsche Ecke biegt und plötzlich inmitten violetter oder grüner Austria- bzw. Rapidanhänger steht. Das ist ebenso unangenehm, liegt aber (meistens) weniger an den Menschen selbst, als an dem unmittelbaren Gefühl, da nicht dazuzugehören. Viele gleich aussehende Menschen gleichen einem größeren Etwas. Man kennt das aus dem Tierreich, wo sich zum Beispiel ein Schwarm kleiner Fische die Gestalt eines großen Fisches gibt, um abschreckend zu wirken. Aber dafür, dass wir die Rapid-Fans oder die arabischen Frauen als bedrohlich empfinden, können die selber nichts. Erstere legen es vielleicht sogar darauf an, letzteren aber kann man solche Absichten wohl nicht unterstellen.
Blöd nur, dass wir medial darauf trainiert wurden, in der arabischen Kleidung etwas Bedrohliches zu sehen. Die Nachwirkungen des 11. September samt amerikanischer medialer Hyperventilierung lassen grüßen! Es wäre an der Zeit, nicht mehr unter jedem Schleier Sprengstoffgürtel zu vermuten...
Zu diesen drei Elementen gesellt sich zusätzlich noch jenes des Fremden, das gleichzeitig über allem steht: Wir hören eine fremde Sprache, wir blicken in fremde Gesichter, wir nehmen fremde Gerüche war. Das Fremde war immer schon anziehend und abstoßend zugleich. Man schützt sich davor, indem man sich in seine eigene Gruppe zurückzieht, oder man sucht danach, indem man ferne Länder bereist. Wenn uns das Fremde irritiert, und uns durch Mechanismen Angst macht, die wir ganz leicht durch ein bisschen rationales Denken als harmlos erkennen können, dann sind wir selbst schuld. Wenn wir uns Angst machen lassen vor etwas, von dem wir wissen, dass es in Wahrheit unbedenklich ist, dann erliegen wir einem kindlichen Gefühl - der Angst vor dem Krampus oder eben dem "Schwarzen Mann". Kindliche Gefühle können verlockend sein, weil sie uns an eine Zeit erinnern, in der noch andere für uns gedacht haben und andere für uns verantwortlich waren. Vielleicht hatten wir einen heimlichen Spaß an der Angst vor eingebildeten Gefahren, weil wir wussten, dass es einen Papa und eine Mama gibt, die alle Gefahren bannen können und uns nie im Leben etwas zustoßen wird, solange unsere Eltern auf uns aufpassen.
Doch als erwachsene Menschen haben wir unsere Vernunft und unsere Lebenserfahrung. Wir haben selbstständiges Denken und leben in einem friedlichen Europa, in dem wir gelernt haben, anderen Menschen und Kulturen respektvoll und neugierig zu begegnen. Vielleicht erinnern wir uns selber ab und zu daran; und vielleicht laufen wir dann dem Schwarzen Mann in die offenen Arme. "Wenn er aber kommt?" - "Dann lachen wir ihm zu!"
Abonnieren
Posts (Atom)
.png)